Archiv für Oktober 2008

Summer’s ready, when you are

Research

Research

Es wird kalt da draußen, sehr kalt. Gestern fiel der erste Schnee, den Boden erreichte er als solchen jedoch noch nicht. Ich glaube jedoch, dass es in Bremen gerade kälter ist (in Wilmsberg scheint ja zum Glück immer die Sonne). Hier drinnen ist es jedenfalls wunderbar warm. Man ist ja schließlich so temperiert, wie man sich fühlt. Eben habe ich meinen Initial Report fertig geschrieben. Auf  zehn Seiten war zu erklären, wie und warum man sein Projekt durchführen will. Dazu ist noch ein Zeitplan aufzustellen, bis wann man welche Teilprobleme gelöst haben will. Ich habe mir vorgenommen bis Ende April eine Anwendung zu schreiben, die Hände innerhalb eines Videos erkennt und ihre Bewegungen analysiert. Einen umsetzbaren Ansatz für dieses Problem zu finden, war erst einmal gar nicht so einfach, da dieses Themengebiet noch relativ jung ist und somit eine Vielzahl von Lösungen existiert, von denen man noch nicht genau sagen kann, welche sich etablieren wird. Ganz interessant ist, dass einer von den Research Students an einer ähnlichen Aufgabenstellung arbeitet und man sich so vielleicht austauschen kann. Ganz praktisch ist, dass ich für mein Projekt so, zumindest für die Zeit an der LSBU, eine Webcam abgreifen kann. Bis ich diese allerdings zur Kommunikation nutzen werde, müssen meine Haare ab. So sehr ich Thurston Moore als Gitarristen schätze, so wenig mag ich seine Frisur.

Ra Ra Riot

Gestern mal wieder Push im Astoria 2. Angeblich legten unter anderem die Leute von Vampire Weekend auf. Was von dem durchwachsenen Set allerdings auf ihr Konto ging, blieb mir verborgen. Pluspunkte würde ich auf jeden Fall dafür geben, auf Rage Against The Machine die Jackson Five folgen zu lassen. Lichtblick des Abends war die Performance des New Yorker Sextetts Ra Ra Riot. Zu der klassischen Bandbesetzung gesellen sich bei ihnen noch Cello und Violine, was soundmäßig ein Distinktionsmerkmal in der Masse der gerade so populären tanzbaren Indie-Musik darstellt. Mit dieser lassen sich ihre Stücke auch eher vergleichen als mit denen ähnlich streichender Bands wie Arcade Fire. Folgerichtig touren sie im Moment im Vorprogramm von Vampire Weekend und Los Campesinos!, später dann auch als Headliner in den üblichen deutschen Städten, meine Empfehlung haben sie. Anspieltipp: Ghost under Rocks.

M83

M83

M83

Naomi, meine französische Nachbarin, hatte mir blind vertraut und Karten für uns beide gekauft. Daher war ich zunächst ein wenig in Sorge, da ich selbst nicht wirklich wusste, was man uns an diesem Abend darbieten würde. Angesichts des vollbestückten Effektbretts, das Anthony Gonzales nach Verlassen der Vorband auf der Bühne installierte, war dem geneigtem Zuschauer schnell klar, dass man es hier mit Shoegazern zu tun hatte. Nachdem sein macbook hochgefahren war und seine hübsch anzuschauende Keyboarderin dahinter Stellung bezogen hatte, mauerten M83 die Zuschauer im gut gefüllten Scala in Gitarrenwände ein und verputzten diese mit satten Synthies. Jedoch stellten die Oden an den Breakfast Club des neuen Albums nur kurze Ausbrüche dar, die im nächsten Stück wieder von den schleppenden Gitarren der vorherigen Werke eingefangen wurden. Gegen Ende des Konzertes legte Gonzales dann seine Gitarre ab, um die Masse in Shoeravers zu verwandeln (Verdammt, Google sagt, den Ausdruck gibt es schon, vielleicht Dancegazers, NME?). Die hypnotisch treibende Zugabe „Couleurs“ bot dann noch einmal Gelegenheit, die Euphorie des Abends im Körper rhythmisch zu entladen, bevor man mit diesem wieder der kalten Londoner Nacht entgegentrat. Auch Naomi war sehr angetan, nur die Keyboarderin gefiel ihr nicht. Ich behielt meine Meinung für mich.

Leider ist auch die Sound-Qualität des Videos echt mies. Wenn der Bass gerade nicht spielt, kann man aber vielleicht etwas vom Song erahnen.

Vivian Girls

Diese drei Mädchen gefallen mir so außerordentlich gut, dass ich ihnen einfach mal einen Eintrag widmen sollte. Sie spielen ein paar mühelos runtergeschrubbte Gitarrenakkorde, mit denen damals schon die Wipers ihr Punkrockmoped frisiert haben, ihr Chor schlängelt sich irgendwie durch den Gitarrenvehrkehr, das schön trockene Schlagzeug gibt die Route vor. Für die zehn Lieder des selbstbetitelten Debüts werden gerade einmal 22 Minuten benötigt; also lieber runterladen, um nicht zu viel konzentrisches Polycarbonat zu verschwenden. Im Dezember spielen sie drei Gigs hier, ich habe große Lust wenigstens einem beizuwohnen. Anbei das Video zur Single „Tell the World“:

Credit Crunch

Freitag rang auch ich mich dazu durch, mein eigenes Unterstützungspaket für die strauchelnde Bankenlandschaft zu schnüren. Ich besorgte mir für heute einen Termin bei der nächsten Bank, um ein Konto zu eröffnen und stellte mir über das Wochenende ununterbrochen die Frage, welche Summe ich denn letztendlich in dieses Unternehmen pumpen sollte. Das ganze Prozedere im Beratungsraum der Filiale dauerte dann etwas über eine Stunde. Meine Liquidität wurde überprüft und man wollte gerne wissen, wie viel ich denn in meinem Konto gerne zwischenlagern möchte. Als Nachweis, dass ich hier auch wirklich studiere, reichte ein Wisch von der Uni und mein Personalausweis. Einen Studentenkonto durfte ich leider nicht eröffnen, da man dafür seit mindestens drei Jahren hier leben muss. Das bedeutet für mich, dass ich es möglichst vermeiden sollte, hier zu überziehen. Nächste Woche sollte meine Bankkarte ankommen. Dann kann ich endlich selbst Konzerttickets buchen und bin nicht mehr auf die Kreditkarte meiner Nachbarin angewiesen.

Interessant ist auch, dass man hier einen „Islamic Account“ einrichten kann, welcher Scharia-kompatibel ist. Das heißt, man bezahlt weder Zinsen noch erhält man welche. Da das bei mir wohl sowieso der Fall ist, machte ich mir darüber keine weiteren Gedanken. Die Summe die ich am Schluss einzahlte belief sich dann auf einen Pfund, den ich der netten Bankangestellten in 10 Pence-Stücken auszahlte. An solche Sachen wie Bargeld hatte ich angesichts des vielen fiktiven Geldes heute nun wirklich nicht gedacht.

Koko

Um eine lange Schlange und Eintritt zu vermeiden, machten wir uns schon um neun auf. Als wir ankamen, ließ die Schlange vor dem Eingang jedoch schon die zweite Häuserecke hinter sich. Das bedeutete für uns 7 £ Eintritt und jemanden zum nahegelegenen Sainsbury’s zu schicken, um die schlagartig angewachsenen Kosten durch billiges Bier wieder auszugleichen. Gut eine halbe Stunde später ließ man uns dann ins Koko eintreten, einem ehemaligen Theater mitten in Camden. Anlass war der sechste Geburtstag der Partyreihe Buttoned Down Disco und somit umgaben uns Unmengen von Glitter und überdimensionierten Luftballons. Die großartige Musik ließ einem keine Gelegenheit, die Tanzfläche zu verlassen. Diese ließen wir erst spät in der Nacht nach einem euphorisch dargebotenen „Time for Heroes“ zurück. Es folgt der Versuch, die dortige Atmosphäre zu digitalisieren:

Fire…DeDeDeetDetDet

7:30 (GMT+01) erlebe ich dann den ersten Feueralarm. Nach dem, was ich von anderen Leuten gehört habe, ist das eine bemerkenswerte Quote für mehr als einen Monat Aufenthalt. Diesmal war es eine obligatorische Übung und jeder Block musste raus auf den Innenhof, den Catwalk für Bademantelmoden, ein Schaulaufen der verquollenen und angepissten Gesichter, zu dem es zwei meiner Mitbewohner nicht geschafft haben. Wie auch sehr viele andere, was dieser Übung wohl einen Nachfolger beschert. Ich freue mich schon. Da ich jetzt gerade sowieso aufstehen wollte (an den Erfolg dieser Aktion hatte ich gestern schon nicht mehr geglaubt), habe ich von der McLaren-Administration wenigstens noch ein wenig Extrazeit bekommen, um diesen Artikel zu schreiben. Danke, jetzt bin ich aber zu müde, um was zu tun. Ich leg mich wohl doch wieder hin.

Erasmus

Ich bin ja keiner von denen. Diesen Partymenschen, die unter dem Deckmantel des Auslandsstudiums für ein Semester in einem anderen Land die Sau raus lassen und nebenbei für diese Leistung noch ein, zwei Scheine ausgestellt bekommen. Ich bin hier für zwei Semester und hoffe, für diese Leistung auch noch einen Abschluss zu bekommen.

Jedenfalls traf sich irgendeine Facebook-Gruppe für Erasmus-Leute gestern im Hydepark, um den strahlenden Sonnenschein und den kosmopolitischen Wahnsinn zu genießen. Alsbald schüttelte man die einstudierten Erasmus-Floskeln („Where are you from?“, „What are you studying?“, „Yeah, Computer stuff. But I’m not a freak.“) aus dem Ärmel und versuchte den Gegenüber mit den Bruchstücken fremder Sprachen zu beeindrucken. Herausgefordert von dem schönen Wetter und dem glänzenden Leder spielte ich dann noch eine Runde Fußball. Wobei schnell die Erkenntnis kam, das mein letztes Spiel doch schon länger zurückliegt und eine halbe Runde meiner derzeitigen Kondition wohl eher entgegenkam. Doch mit Ausruhen war leider nichts. Irgendwer fühlte sich von der Vielzahl von Menschen dazu verleitet, das unmögliche Massenexperiment Kreisbilden zu wagen. Als dies dann tatsächlich trotz der ungefähr 50 Menschen nahezu geklappt hatte, packte ein paar Leute der Ehrgeiz: „Spin the bottle“. Jeder kann sich ausrechnen, welcher Wahrscheinlichkeit es bedarf, um dabei ausgewählt zu werden. Giovanni und ich hatten also die Ehre, zum Soundtrack des gelben Unterseeboots in der Mitte der jubelnden Masse zu schwofen. Witziger fand ich persönlich die Leute, die später Bäume umarmen oder ahnungslose Picknicker überspringen mussten.

Als Sonne und Spieltrieb uns verließen, verließen Raphael, Giovanni und ich mit ein paar anderen Erasmus-Leuten das Geschehen Richtung Brick Lane. Dort aßen wir dann erstmal mit ein paar Däninnen in einem indischen Restaurant. Dank des 25%-Rabatts, den wir vorher an der Tür angeboten bekamen (wie wohl jeder Passant), gab es für es für gut 5 £ ein leckeres Chicken-Menü. Mein Chicken Madras, das in der Karte mit „fairly hot“ beschrieben wurde, war dann auch „fairly hot“.

Weiter ging es dann zum Dray Walk, einem ehemaligen Brauereigelände, wo draußen Dosenbier verkauft wird und man gemütlich auf Bänken Platz nehmen kann. Finanzielle Vernunft nötigte uns dann, den Verlockungen der umliegenden Clubs an diesem Abend zu trotzen und zum McLaren House zurückzukehren. Dort fand sich, wie immer, eine Küche, die einem Asyl und ein paar günstige Cornershop-Bierchen bot, um die Nacht ausklingen zu lassen.

Carlo’s Birthday

Bei unseren Nachbarn aus D9. Ich tat gut daran, mich von irgendwelchen Trinkspielen fernzuhalten, bei denen die Niederlage für mich schon nach der ersten Runde feststünde. Im Gegensatz zu Tom, der sich in wundervoller Weise weigerte, sich von irgendwelcher Nationalitätsscheiße vereinnahmen zu lassen: „Come on, man. You’ve gotta drink. You have to represent England.“ – „Oh, fuck off. I don’t represent anyone.“ Sprachs, warf den Deckel weg und exte seinen Drink.

Modern Fart

Ein sich lohnendes Ausflugsziel, das man von hier auch locker zu Fuß erreichen kann, ist die Tate Modern. Ein ehemaliges Kraftwerk, das seit 2000 als Museum für moderne Kunst dient. In der großen Turbinenhalle stellt jedes Jahr ein anderer Künstler aus. Dieses Jahr ist es der französische Künstler Dominique Gonzalez-Foerster. Dessen Werk wird allerdings erst am 14. Oktober fertig aufgebaut sein, bis jetzt ist nur eine überdimensionale Spinne und ein Dinosaurier-Skelett zu sehen.

Als ich mich entschloss, Sonntag dort hinzugehen, um mich ein wenig vom Vorabend zu erholen, hatte ich noch zwei Stunden Zeit. Daher entschied ich, nur eine der permanenten Ausstellungen in Ruhe anzusehen: „Poetry and Dream“. Es ging um Künstler des Surrealismus und solche, die sich zwar nicht zu ihm be-, aber doch Einflüsse erkennen lassen. Mein Lieblingsausstellungsstück war zugleich das letzte, welches ich in den zehn Räumen der Ausstellung zu Gesicht bekam: „Thirty Pieces of Silver“ von Cornelia Parker. Es besteht aus tausend silbernen Gegenständen, die sie auf Trödelmärkten gekauft und anschließend von einer Dampfwalze hat bügeln lassen. Darunter befinden sich zum Beispiel Gabeln, Messer, Tablette oder sogar eine Klarinette. Irgendwann verliert wohl alles seinen ideellen Wert.

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