Archiv für April 2009

Edinburgh

Gefühlte 2 Minuten 11 Sekunden hat es gedauert, bis ich nach der Ankunft den ersten Dudelsack gehört habe. Sowieso wurde allerorts viel Wert darauf gelegt, jedem klar zu machen, wo man sich befindet. Während meiner ganzen Reise habe ich nirgendwo so viel Nationalsymbolik und Fähnchen gesehen, nicht einmal in London. Zunächst ging ich die Princes Street hinunter, vorbei an unzähligen Kilt Shops, um mein Gepäck in mein Hostelzimmer zu packen. Danach traf ich Behnoush beim Scott Monument, die zufällig auch in dieser Stadt verweilte und wir setzten uns vor die National Gallery of Scotland, um die scheinende Sonne zu genießen. Prompt wurden wir Teil eines norwegischen Schulprojekts: Zwei Schülerinnen wollten Fotos von uns machen, da sie angeblich für ihr Projekt Bilder von cool gekleideten Leuten brauchten. Das sagt nun vielleicht mehr über die durchschnittliche Coolness der Leute Edinburghs als über unsere. Meinen Stil beschrieb ich ihnen als ‘heroin chic’.

Nach einem italienischen Dinner inkl. Sprachkurs (Edimburgo mit ‘m’) stürzten wir uns in das pulsierende Nachtleben eines Montagabends. Im Cabaret Voltaire kamen wir rechtzeitig an, um die letzten Akkorde der dort aufspielenden Band mitzubekommen. Danach wurde der Laden für eine Stunde geschlossen, damit man angeblich für die darauffolgende Party die Bühne umbauen muss. Ganz verstanden habe ich das nicht, denn als wir um 11 wiederkamen, sah der Raum eigentlich aus wie vorher. Womöglich musste die Band raus aus ihrem Bühnenoutfit und rein in die DJ-Klamotten, man weiß es nicht. Die Musik war okay, die Preise fair. Deswegen und auf Grund des mittlerweile stabilen Pfunds ließ sich der Barkeeper jedoch nicht mit Euros zu Sonderwünschen überreden („Sorry, we don’t accept Euros.“)

Dienstag sahen wir uns dann noch den Rest der Stadt an; das prachtvolle Edinburgh Castle, das architektonisch außergewöhnliche schottische Parlament, den unspektakulären Hafen von Leith und natürlich das Museum of Childhood. Für einen letzten Abend in Schottland fehlte mir dann jedoch die Ausdauer und ich ging früh zu Bett.

Am Mittwochmorgen verabschiedete ich noch kurz Behnoush und machte mich dann auf, die Hügel der Stadt zu erklimmen. Um mich auf den sage und schreibe 251 Meter hohen Arthur’s Seat vorzubereiten stieg ich erstmal auf den Calton Hill und machte meine Fotos. Der Aufstieg zum Arthur’s Seat war etwas beschwerlicher, bot aber auch einen weitaus schöneren Blick auf die Stadt, das Meer und die umliegenden Hügel. Den Rest des Tages genoss ich noch ein wenig die Sonne in den Princes Street Gardens, ehe ich mich in den Zug zurück nach London setzte. Innerhalb von fünf Stunden und sogar 20 Minuten vor geplanter Ankunft kam ich dann in King’s Cross an.

Alles in allem eine sehr lohnenswerte und interessante Reise. Besonders spannend war für mich, die Besonderheiten des jeweiligen Akzents herauszufinden. Es ist schon erstaunlich, dass selbst die Akzente der Liverpuddlians und Mancunians, die nur eine halbe Zugstunde voneinander entfernt wohnen, so unterschiedlich sind. Überrascht hat mich auch die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der englischen Bahnen, die im Vergleich zu Deutschland sogar noch ziemlich sauber sind. Noch dazu zeichnen sie sich durch eine erfrischende Abwesenheit von weiblichen Kegelclubs jenseits der 50 aus, bei der man sich beispielsweise auf der Route zwischen Leer und Bremen fragen würde, ob man denn überhaupt den richtigen Zug erwischt hat.

Newcastle

Sonntagmittag erreichte ich Newcastle. Im Hostel angekommen, macht ich die Bekanntschaft mit Carlos, einem Brasilianer der ein Jahr in Australien verbracht hatte und auf dem Weg nach Hause sich noch einmal diese Insel ansehen wollte. Seine Route war meiner genau entgegensetzt; er kam gerade aus Edinburgh und wollte weiter nach Liverpool. Nachdem wir unsere Betten bezogen hatten, sahen wir uns gemeinsam die Stadt an; vor allem die Brücken über den River Tyne, von denen jede ihre eigene Art hat, großen Schiffen Platz zu machen. Da wäre zum Beispiel die Swing Bridge, die sich bei annähernden Schiffen um eine Achse in der Mitte des Flusses dreht oder die wohl spektakulärste Brücke der Stadt: die Gateshead Millennium Bridge. Sie wird einfach nach oben geklappt.

Danach genossen wir ein wenig Landluft inmitten der Stadt. Town Moor ist ein Fleckchen Ackerland, auf dem ein paar Kühe weiden. Von den dortigen Hügeln sollte man angeblich einen tollen Blick über die Stadt haben, was wir allerdings nicht so recht nachvollziehen konnten. Trotzdem war es toll mal eine Kuhwiese zu sehen, die von CCTV überwacht wird.

Abends tranken wir dann noch ein paar Pint im Head of Steam und stellten uns auf eine ruhige Nacht ein. Leider sollte diese Erwartung nicht erfüllt werden. Es stellte sich heraus, dass wir zwei neue Zimmergenossen bekommen hatten. Ein junger Mann aus Cornwall, der am nächsten Tag ein Bewerbungsgespräch in der Stadt hatte und ein etwas seltsamer älterer Herr, der sich als dessen Großvater ausgab. Hinterher stellte sich heraus, dass dieser ältere Herr dem anderen nur hinterhergelaufen war, nachdem dieser ihn nach dem Weg gefragt hatte. Dieser Typ, RAF-Veteran, wie er uns in der Nacht noch etwa achtzig Mal erzählte hatte, beschloss dann spontan im Hostel einzuchecken und sich zur Feier des Tages noch einmal drei Flaschen Wein zu bestellen. Nachdem er diese geleert hatte, hielt er uns ungefragt die ganze Nacht mit seinen Geschichten von den Falkland-Inseln wach. Irgendwann mussten wir ihn dann in den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss bringen, wobei wir Glück hatten, dass er die Treppe nicht heruntergefallen ist. Wir waren uns zumindest sicher, dass er es in die andere Richtung in dieser Nacht nicht mehr schaffen würde. Kurz bevor ich am nächsten Morgen aufstand, kam er jedoch noch einmal ins Zimmer, um sich mit einem geheimnisvollen „The Night never stops“ zu verabschieden.

Bevor ich Newcastle in Richtung Edinburgh verließ und mich von Carlos verabschiedete, gingen wir noch ins Baltic Centre for Contemporary Art. Dort gab es nicht nur ein paar interessante Installationen zu sehen, sondern man hatte dort wirklich einen tollen Ausblick über die Stadt. Nur Town Moor konnte man von dort nicht erkennen.

Manchester

In Manchester begrüßten mich strahlende Sonne und blauer Himmel. Das hatte mir der Reiseführer zwar anders versprochen, eine Reklamation erschien mir jedoch unverhältnismäßig. Da ich meine Reise etwas kurzfristig geplant hatte, waren Manchesters Hostels leider ausgebucht und so checkte ich in einem kleinen Hotel knapp außerhalb des Zentrums ein. Dies befand sich im Süden, am Ende der „Curry-Meile“, die kurz hinter dem Uni-Campus beginnt, in Rusholme.

Im Gegensatz zum maritimen Liverpool versprüht Manchester eher einen urbanen Flair, was mir persönlich mehr zusagt. Auch musikalisch liegt für mich Manchester vorne: Man denke nur an Simply Red oder auch an Take That, die nach dem Ausstieg Robbie Williams’ damals New Order gründeten. Bei einer vergleichbaren Band aus Liverpool fielen mir höchstens noch die Wings ein, doch die haben sich längst aufgelöst.

Im Südwesten gibt es das Viertel Castlefield, das wohl zu den schöneren Ecken Manchesters gehört. Wenn man dort am Kanal entlangläuft sieht man immer wieder nette Cafés am Ufer und Menschen, die dort das ungewohnt gute Wetter genießen. Am Ende des Kanals, kurz nach dem Gay Village, kommt man dann ganz zentral im Piccadilly-Viertel wieder heraus. Von dort ist es nicht weit zum Northern Quarter, in denen sich die interessanteren Pubs und Clubs der Subkultur befinden. Dort schaute ich mir abends im Night & Day Cafe ein paar Newcomer-Bands an, die mich zwar unterhielten, doch an die ich mich rückblickend nicht mehr recht erinnern kann. Nach der letzten Band ging ich dann noch mit ein paar Leuten, die ich dort kennen gelernt hatte – obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, nicht ‘upset’ zu wirken – ins 5th Avenue. Günstige Drinks und sehr gute Musik motivierten dann länger dort zu bleiben als geplant. Der Club kann durchaus mit denen Londons mithalten.

Auf dem Rückweg stieg ich leider etwas zu früh aus dem Bus aus. Vor der letzten Curry-Meile stolperte ich ins Big Hands, um mir eine Erfrischung zu holen. Drinnen genossen gerade die Leute von Nashville Pussy, die schon seit Bristol ungefähr den gleichen Tourplan wie ich hatten, ihren Feierabend nach einem Gig in der Academy. Ein Rekrut der örtlichen Turbojugend feierte seinen Geburtstag und war sich nicht zu schade, mir deswegen nach fünf-minütiger Bekanntschaft ein Bierchen auszugeben, nach dem ich ihm ein Gespräch aufgezwungen hatte. Das war dann auch mein letztes für diesen Abend.

Am nächsten Morgen stand ich etwas später auf. Das Gelände der Academy auf dem Campus der Uni hingegen war gesäumt von Frühaufstehern. Ein bunter Haufen schwarzbekleideter Emo-Jünger wartete dort ausdauernd auf einen Auftritt von Taking Back Sunday während ich versuchte mit Hilfe meiner Kamera zumindest den Freitag zurückzuholen.

Auf dem Campus befindet sich auch das Manchester Museum. Dort sah ich mir eine Ausstellung zum Thema ‘Myths about Race’ an, in der das rassistische Denken, das auch zur Rechtfertigung der Sklaverei benutzt wurde, kritisch betrachtet wurde. Denn ähnlich wie Bristol und Liverpool profitierte auch Manchester vom Sklavenhandel. Die Baumwolle, die in den englischen Kolonien von Sklaven geerntet wurde, wurde hier zu Textilien weiter verarbeitet, die wiederum eines der Hauptexportartikel der Liverpooler Sklavenhändler darstellten. Danach gab es noch ein wenig antike Mythologie und mein Appetit nach Wissen war fürs Erste gestillt.

Auch wenn ich eigentlich nicht religiös bin, musste ich doch den Weg nach Salford antreten. Der kleine Ort wird von Manchester nur durch den kleinen Fluss Irwell getrennt. Das Ziel meines Pilgerausflugs war der Salford Lads Club, vor dem die Schmitz damals legendäre Fahrradtouren unternommen hatten. Nachdem ich dort eine Minute innegehalten hatte, wünschte ich mir auch ein Fahrrad, denn der Weg dorthin war letztendlich doch nicht so kurz, wie ich mir das gedacht hatte.

Kurz vor Schluss besuchte ich noch schnell das Museum of Science & Industry in Manchester, das ich wirklich nur empfehlen kann. Dort werden alle möglichen technischen Sachen, die nur entfernt etwas mit Manchester zu tun haben, erklärt. Man lernt etwas über die Geschichte Manchesters, die Wasserversorgung, Elektrizität und Dampfkraft. Wow. Highlight für mich war natürlich ein Nachbau des Baby, dem ersten Computer, auf dem man ein Programm im RAM speichern konnte. Da habe ich mir natürlich einiges abgeschaut für meine CPU-Design-Hausarbeit.

Abends trank ich noch ein Pint in der Dry Bar, wo Shaun Ryder und Liam Gallagher Hausverbot haben. Gleiche Ehren wurden mir leider nicht zu Teil. Als ich mein Bierglas umkippte, schüttelte die Bedienung nur genervt mit dem Kopf und schaute so, wie meine Mutter manchmal guckt, wenn ich mal wieder Dumm Tüch von mir gegegeben habe.

Liverpool

Mittwoch abends kam ich dann in Liverpool an und sah mir erstmal die Stadt selbst an. Viel war an diesem Tag anscheinend nicht los, deswegen beließ ich es dabei, mir im Heebie Jeebies, das mir für diesen Zweck angemessen erschien, ein paar Pints zu gönnen und stattdessen den nächsten Tag zu verplanen.

Als erstes sah ich mir die Skulptur-Ausstellung in der Tate Liverpool an und nach dem Mittagessen – Warhols Campbell’s Dosen und Dalis Lobster Telephone regten meinen Appetit an – das International Slavery Museum. Dort wurde die ganze Geschichte des Sklavenhandels dargestellt und auch Liverpools Rolle nicht verschwiegen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Penny Lane ihren Namen James Penny verdankt: Einem wohlhabenden Sklavenschiffbesitzer des 18. Jahrhunderts. Bei einer geplanten Änderung der Straßennamen mit heikler Vorgeschichte entschied man sich, Penny Lane außen vorzulassen.

Auch sehenswert ist die anglikanische Liverpool Cathedral, die wohl die fünftgrößte Kathedrale der Welt ist. Designt wurde die übrigens von dem gleichen Typen, der auch die roten Telefonzellen entworfen hat. Sieht man ihr nicht auf den ersten Blick an. Genauso wie man der katholischen Kirche in Liverpool nicht ansieht, dass sie keine Scientology-Filiale ist.

Abends sah ich mir dann in der Zanzibar ein paar aufstrebende Bands an. An Namen oder Musik erinnere ich mich nicht, Arcade Fire und Bloc Party scheinen aber sehr einflussreiche Bands zu sein. Ein paar nette Leute lernte ich sogar auch noch kennen; ein Mädchen fragte mich, ob ich ‘upset’ wäre. Nachdem ich ihr erklärte, dass das mein normaler Ausdruck sei und ich eigentlich bester Laune wäre, lud sie mich zu sich und ihren Freunden an den Tisch ein. So lernte ich dann schnell noch, wer in welcher Band spielt und wen ich mir unbedingt anschauen müsste. Das wusste ich leider am nächsten Morgen nicht mehr und verpasse wahrscheinlich das next big thing. Schade.

Bristol

Hätte ich nicht die Tickets schon bezahlt gehabt, wäre ich an diesem Dienstag nach Ostern wohl im Bett geblieben. Um zwanzig nach neun ging es nämlich zu Gunsten des Off-Peak Rabatts schon los zum ersten Ziel meiner Reise: Brizzle, wie es die Einheimischen nennen. Gut anderthalb Stunden nach meiner Abfahrt von der Waterloo Station war ich dann auch schon dort. Eine Mischung aus trübem Wetter, einer verdächtig ruhigen Stadt und einer noch verdächtigeren Abwesenheit jeglicher Trip Hop-Beats erwartete mich. Erwartete ich. Jedenfalls war sie da, vielleicht schon seit zehn Jahren.

Nach dem Einchecken im freundlich-gemütlichen Backpackers Hostel, sah ich mir dann die Stadt an. Erstes Highlight: Einige der Hausboote am River Avon halten sich wohl Jugendliche durch hochfrequentes Piepen fern, das von Ohren jenseits der 50 nicht mehr wahrgenommen wird. Die Frage, wie man als Besitzer einen Ausfall dieser Anlage feststellt, stellte ich mir aufgrund meiner eigenen Jugendlichkeit, dann nach kurzem Aufenthalt lieber woanders.

City Museum and Art Gallery zeigten etwas aus dem alten Ägypten, ein bisschen Porzellan, zeitgenössische Kunst und Karikaturen. Auch die Sklaverei, die maßgeblich am Aufstieg Bristols beteiligt war, blieb nicht unerwähnt. Verglichen mit den Londoner Museen wirkte das jedoch alles eher provinziell. Weitaus beeindruckender war dann das Wahrzeichen der Stadt: Die Clifton Suspension Bridge. Vom naheliegenden Hügel, auf dem das Observatory und die Camera Obscura stehen, hatte man einen wunderbaren Blick auf dieses verbindende Element. Die Höhe lies natürlich schnell die Frage aufkommen, wann denn das letzte Mal jemand mit einem Düsenjet der Royal Air Force drunterher geflogen und mit 450 mph an den benachbarten Klippen zerschellt ist. 1957.

Das Abendprogramm gestalteten die großartigen Casiotone for the Painfully Alone, die Ein-Mann-Band Own Ashworth aus San Francisco. Davor gab es noch charmante Shoegazer („If you don’t buy our records, it’s because I’m brown and you’re racist.“) und seinen jüngeren Bruder Gordon, der als Concern Ambient-Drone aus seinen Reglern zauberte, um dadurch den Großteil des Publikums zum Bierholen zu animieren. Dass er nach dem Gig mir nicht einmal den Vergleich mit Metal Machine Music übelnahm, rechnete ich ihm hoch an und kaufte ihm für nen Fünfer  ‘ne EP ab. Ich habe große Lust da ein paar Samples für mein Hip Hop-Projekt auszumontieren.

Am nächsten Morgen sah ich mir noch eine Street Art-Ausstellung in der Royal West of England Academy an. Gelohnt hat sich das nur weniger. Street Art Ausstellungen in Museen fehlt es dann doch an Street Credibility. Mit einem kurzen Zwischenstopp in Birmingham ging es dann weiter nach Liverpool.

On A Train

Gestern habe ich meinen Final Report für einen unverschämten Preis binden lassen, morgen werde ich ihn abgeben. Daher habe ich heute Hostels und Zugtickets für meine bevorstehende Reise über die Insel gebucht. Nächsten Dienstag geht es als Erstes nach Bristol. Von dort werde ich mich über Liverpool, Manchester und Newcastle stetig dem Norden nähern, um schließlich in Edinburgh anzukommen. Zurück bin ich dann voraussichtlich am 22. Reisetipps sind auf jeden Fall willkommen.

Menschenkenntnis

Frisch aus dem Kakao gezogen

Frisch aus dem Kakao gezogen

Die Odyssee der letzten Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Ich war auf dem Heimweg in frische Farbe getreten. Die Leere die Laurence nach seiner Verabschiedung Richtung Leicester hinterlassen hatte, versuchte ich notdürftig mit UV-Strahlen im Hyde Park zu füllen. Also passenderweise Departure von den Crystal Stilts auf die Ohren geschaltet und losgelaufen. Ungefähr auf Höhe des Trafalgar Squares wurde ich dann von einem älteren Herrn darauf angesprochen, dass das Wetter wohl herrlich sei. Darauf musterte ich zunächst den Herrn und vermutete die übliche Verarsche; dann den Himmel, bestätigte ihm aufgrund der klaren Sachlage aus Höflichkeit seine Beobachtung und drehte die Lautstärke meines MP3-Abspielgeräts vorsichtshalber ein wenig höher. Doch er ließ sich von solcher Zugeknöpftheit nicht beirren und fragte weiter, ob ich hier im Urlaub wäre. Ich gab auf und zählte in Gedanken das Kleingeld in meinem Geldbeutel, auf das er es ja offensichtlich abgesehen hatte. Nach ein wenig Smalltalk stellte sich jedoch heraus, dass er selbst wohl über genug Kleingeld verfügt, da seine Wohnung um die Ecke in Kensington gegenüber des Hyde Parks liegt. Er fragte mich noch, woher ich herkäme, da er meinen Akzent nicht erkenne und ob mir London gefiele. Ich war natürlich interessiert, was man so machen muss, um sich eine Wohnung in solch nobler Lage leisten zu können. Seine Antwort lautete: Editorial Director beim NME. Dieser Tätigkeit gehe er zwar seit sieben Jahren nicht mehr nach, mache sich aber eine gute Zeit mit seiner Abfindung. Er verriet mir, dass er weiter aufgestiegen war, als er eigentlich wollte, da seine eigentlich Passions das Schreiben sei und er mit diesem Business-Kram nicht sehr viel anfangen konnte. Vor dem Hyde Park verabschiedeten wir uns, da er dort auf einen Freund wartete. Später ärgerte ich mich, dass ich nicht nach seinem Namen gefragte habe, da auch eine Recherche im Internetz keine Resultate lieferte. Und natürlich, dass ich ihm nicht ein paar Bands genannt habe, die er seinen alten Kollegen mal empfehlen sollte. In Zukunft werde ich immer ein Mixtape dabei haben.

Auf dem Rückweg vom Hyde Park lief ich die Waterloo Road entlang und mein Blick blieb etwas länger an einer attraktiven Frau hängen, die in Beisein einer kahlköpfigen Kante die Straße entlang flanierte. Die Kante schaute mich zweifelnd an und rief: „Oi“. Ich erschrak fürchterlich und überlegte blitzartig, wie ich das Anstarren seiner Freundin rechtfertige, ob ich mich wehren sollte, wenn er mich verprügelt oder sofort renne. Doch er fuhr gleich fort: „Hey mate, can you tell me the way to the London Eye?“ Okay, die Frage in Sichtweite des Ziels zu stellen war dämlich, aber ich war zu glücklich und dankbar, verschont zu werden, sodass ich gerne behilflich war.

So wurde meine mangelhafte Menschenkenntnis zwei Mal auf erfreuliche Weise aufgedeckt. Wenigstens habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Alte Männer und schottische Skinheads, die einen von der Seite auf der Straße anlabern, müssen nicht immer scheiße sein.

Während der ganzen Zeit lief Departure von den Crystal Stilts. Schon jetzt im Frühling der Sommerhit des Jahres 2009. Ich weiß, Mama: Du wirst vielleicht die Produktion bemängeln und dich über die mangelnde Verständlichkeit der Stimme beschweren oder das ganze als simplen The Jesus & Mary Chain-Ripoff abtun. Doch das alles spielt keine Rolle, da das trockene Schlagzeug, der hallende Gitarrensound, sowie die zelebrierte Geistesabwesenheit einfach umwerfend cool sind. Das Video zur ersten Single des Albums „Alight of Night“:

Amersham Arms

Letzter Schultag war Freitag, jetzt habe ich satte drei Wochen Ferien. Konkret heißt das: Verlängerung des Wochenendes von fünf auf sieben Tage. Diese Extrazeit möchte natürlich sinnvoll genutzt werden und der erste Abend begann dann auch ereignisreich. Gegen acht rief Laurence Marina und mich aus unseren Zimmern in seines, damit wir uns live eine Festnahme zweier Frauen, die direkt unter Laurence’s Fenster von acht Polizeiwagen gestoppt wurden, ansehen konnten. Free Entertainment, Elephant & Castle Style.

Den Rest des Abends gestalteten Laurence, Andy und ich in New Cross. Freitags gibt es dort immer Whip It im Amersham Arms, ein Pub, der eigentlich ein Club sein möchte. Musik war top, nur die Heimreise beschwerlich bis abenteuerlich. Zunächst verbrachte ich eine halbe Stunde vergeblich damit, meine Jacke zu finden. Irgendwann gab ich auf und verließ traurig ob des vermeintlichen Diebstahls die Szene. Natürlich nahm ich daraufhin den falschen Bus und fand mich irgendwo in Greenwhich wieder. Als ich auf einigen Umwegen dann zuhause ankam, traf mich dann der nächste Schock: Auch meine Schlüssel waren unauffindbar. Also runter  zur Rezeption, um zu fragen, ob mir jemand die Tür öffnen könnte. Das geschah, dann aber auch erst zehn Minuten später, da ich zunächst mal aufgrund eines Feueralarms in den Innenhof gebeten wurde; dabei war mein Block nicht einmal betroffen. Nachdem mir dann die nette Frau von der Rezeption die Tür aufgeschlossen hatte und ich mich schon mit dem Verlust meiner Jacke und einer Zahlung über 165 Pfund für nachzumachende Schlüssel abgefunden hatte, erblickte ich Jacke und Schlüssel auf meinem Schreibtischstuhl. Ich schlief darauf glücklich ein.

Smiths-Reunion

22 Jahre nach ihrer Auflösung entscheiden sich Morrissey und Marr, wieder zusammen Musik zu machen. Der Arbeitstitel des neuen Werks lautet in Anspielung auf ihr zweites Album (das erstaunlicherweise in Amazons jüngst veröffentlichter Liste der 100 Greatest Indie Rock Albums of All Time keinen Platz fand): „Beef is Burglary“. Man darf gespannt sein.