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Return

Samstagmorgen räumte ich die Küche aus. Radio, Töpfe und Weihnachtsbaum hatten leider keinen Platz mehr in meinem Handgepäck und so parkte ich sie im Gemeinschaftsraum, damit sie später für gemeinnützige Zwecke genutzt werden können. Ich hoffe der Weihnachtsbaum findet als Requisite in einem der Theater Southwarks Verwendung; ich habe ihn extra markiert. Gespannt bin ich, wie viel wir letztendlich von unserer Kaution zurückbekommen, denn die Küche und der Flur hatten schon Einiges zu erdulden während wir dort wohnten.

Nachdem ich Schlüssel und Karte an der Rezeption abgegeben hatte, fuhr ich schwer bepackt mit dem Bus zur Victoria Station. Von dort fuhr der Terravision Bus noch ein letztes Mal an Wohnheim und Uni vorbei, was mir die kurze Gelegenheit gab, in Gedanken Goodbye zu sagen. In Stansted traf ich dann einen Kommilitonen aus London, der mit seiner Familie auch auf dem Weg nach Bremen war. Nach dem üblichen Ryanair-Stress landete ich alsbald in der Hansestadt und freute mich schon ein wenig, wieder da zu sein.

In der Grundstraße wurde ich gewohnt herzlich empfangen und man arbeitete die Geschehnisse des letzten halben Jahres auf. Nach einem kurzen Picknick am Osterdeich holte ich dann noch eine Kiste Becks und begab mich zur Mozze, wo mir unter Bryans Schirmherrschaft mit meinen Kommilitonen aus Bremen ein herzerweichender Umtrunk zu Ehren meiner Wiederkehr kredenzt wurde. Der Weg dorthin erwies sich allerdings schwieriger als gedacht, da ich erstmal auf der falschen Seite auf die Straßenbahn wartete und daraufhin auch noch in die falsche Straßenbahn stieg. Trotzdem kam ich dann irgendwann an und war erfreut, bekannte Gesichter wiederzusehen. Später ging es dann noch zum Tanzen ins Zucker. Daran schloss sich noch eine Woche mit einigen Trinkgelagen und ein Hurricane-Wochenende an, bis ich dann auch meine Familie daheim im Westen mal wieder zu Gesicht bekam und ihre Sorge um mich ein vorläufiges Ende nahm.

Damit ist mein Jahr an der Themse hinter mich gebracht. Ich habe es auf keinen Fall bereut und erwäge ernsthaft, zurückzukehren. Als Mensch bin ich sicherlich gereift und bin, so denke ich, ein anderer als der, der letztes Jahr im Spätsommer in Köln in den ICE stieg. Es sind nicht nur die Parties, die multikulturelle Atmosphäre, die Architektur, die Parks und die Pubs, die ich vermisse, sondern vor allem die offenen, freundlichen Menschen, mit denen ich das Glück hatte, Freundschaft zu schließen. Während des letzten Jahres kamen mir oft gute Gedanken, die ich hier als Fazit hätte einbringen können. Leider fehlte mir allzuoft ein Notizblock oder der Wille, den Moment, durch Zücken des selbigen zu zerstören. So kann ich meinen Nachfolgern und allen, die überlegen, hier mal rüberzukommen mit britischem Understatement nur versichern: London ist okay.

Ende Juli werde ich noch einmal kurz für meine Graduation Ceremony wiederkommen. Währenddessen genieße ich mit guten Freunden und Yo La Tengo den Sommer:

Viva

In der Nacht zum Dienstag hatte ich dann noch ein paar Stunden Zeit, um die Präsentation meines Projekts am nächsten Tag vorzubereiten. Am nächsten Morgen stellte ich mir früh den Wecker und übte das Ganze noch einmal vor Johanna ein. Sie fand es okay und ich hatte später den Eindruck, dass mein Supervisor da nicht anders dachte. Am Nachmittag galt es dann noch, die Funktionalität meines Projekt zu demonstrieren, was erstaunlicherweise ganz gut lief. Am Schluss stellte mir mein Supervisor noch ein paar Fragen zum Projekt, die ich eigentlich alle mühelos beantworten konnte. Dann hatte ich es hinter mir und akdademisch war damit für mich das Jahr an der LSBU zu Ende. Das Projekt hat mir großen Spaß gemacht, ich habe Einiges gelernt und nun evtl. eine Idee, was ich später einmal machen möchte. In zwei Wochen sollen die Noten voraussichtlich verschickt werden und Ende Juli bekomme ich dann mein Zeugnis übergeben. Den Party-Marathon, den ich ab diesem Zeitpunkt bis zu meiner Abreise eigentlich einleiten wollte, konnte ich so leider nicht starten, da ich traditionell die Planung meiner Abreise auf den allerletzten Moment verschoben hatte. Immerhin blieb noch Zeit, mit ein paar Freunden ein paar letzte Bierchen zu trinken, auch wenn ich auf Grund meiner Unorganisiertheit nicht allen Leuten so Auf Wiedersehen sagten konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Einen großen Teil meiner Klamotten verschickte ich mit einem Kurierdienst. Dabei vergaß ich natürlich die Absenderadresse auf dem Paket anzubringen. Zum Glück ließ sich das Versehen nach einem Anruf klären. Beim Packen am Freitag bemerkte Giovanni, dass die Gebühren bei Ryanair pro Kilo und nicht pro 15 Kilo anfallen, so dass ich in aller Hektik noch die ganzen Bücher, die ich mir in London gekauft hatte, bei ihm unterbrachte, wofür ich sehr dankbar bin.

Meine Mädels und ich

Hinter so einer Überschrift verbirgt sich bei StudiVZ meist ein Fotoalbum irgendwelcher Girlies, das sie beim Cocktail-Trinken in Callela zeigt. Leider meide ich Cocktails und Callela, deswegen schreibe ich an dieser Stelle nur von meinem letzten vollständigen Wochenende in London und den Besuch, den ich empfing.

Am Donnerstag kamen Johanna und Mareike an. Da wir alle etwas müde waren, ließen wir Candybox aus und machten stattdessen Wraps, damit ich mal wieder etwas Anständiges zu essen bekam. Als die beiden dann zu Bett gegangen waren, trank ich mir mit Laurence ein paar letzte Bierchen, denn er reiste am nächsten Tag schon nach Leicester, um ein großartiges Wochenende in London zu verpassen.

Freitags schlenderten wir über den Portobello Road Market und kauften uns neue Kleider bzw. einen tollen Sampler äthiopischer Pop-Musik der 60er, natürlich bei Honest Jon’s. Danach aßen wir noch lecker indisch, bevor wir uns nach Hause begaben, um uns ausgehfertig zu machen. So trafen wir dann auch pünktlich im Koko ein, um zunächst zwei großartige Bands zu sehen (Little Death und The Answering Machine) und dann im Anschluss zu den Indie-Hymnen dieser Zeit zu tanzen. Die begehrenswerte Bassistin von Little Death vergaß unangenehmerweise, sich in mich zu verlieben, als ich ihr nach dem Konzert zu ihrer überragenden Performance gratulierte. Nachdem wir dann, nachdem die letzte Musik verklungen war, herausgekehrt wurden, nahmen wir den Bus zum Trafalgar Square und liefen das letzte Stück über die Jubilee Bridge nach Hause. Bevor wir dort ankamen, pflegten wir noch ein wenig Akrobatik vor dem Hintergrund des London Eyes.

Samstag führte ich die Damen dann zum Shoppen nach Camden aus; in die Lock Tavern wurden wir danach leider nicht gelassen, da der Türsteher mich nicht erkannte. Ich hoffe nur, dass das ihm nicht den Job kosten wird. Abends bekamen wir dann Besuch von Behnoush, die mal wieder zufällig in der Stadt war und gingen dann über die Waterloo Bridge, um im after skool Club zu tanzen, wo ich dank Johanna irgendwelchen Peters die Hand schütteln durfte.

Am nächsten Morgen brachte ich dann Mareike zur Victoria Station. Danach besuchte ich mit den verbleibenden Frauen den Slow Food Market an der Waterloo Bridge, um brasilianische Brötchen mit gebratener Schweinehaut und Apfelmus zu essen. In der Tate Modern sahen wir uns Robert Morris’ Bodyspacemotionthings an, oder anders gesagt, kleinen Kindern dabei zu, wie sie sich in einem kurzen Moment der Abwesenheit ihrer Eltern ablegten. Wieder daheim ruhten wir uns einen ebenso kurzen Moment aus, um dann weiter in den Osten dieser Stadt zu fahren. Dort kamen wir gerade rechtzeitig an, um den Läden des Bricklane und Spitalfields Market beim Schließen zuzusehen. Darum entschlossen wir uns dann im Café 1001, den hipsten Leuten dieser Stadt beim Pflegen ihres Status zu bewundern und der tollen Musik des ernsten DJs zu lauschen. In der Nacht verabschiedete ich dann Behnoush, die wieder Richtung Hannover flog, um eine bestimmt wundervolle Vorlesung zu genießen.

Den Montag ließ ich Johanna alleine gestalten, da ich die Präsentation meines Projekts am nächsten Tag vorbereiten musste. Darum schickte ich sie mit einer Karte Richtung British Museum. Schlechten Gewissens, sie alleine für mehrere Stunden kulturgeschichtlicher Exponate ausgesetzt zu haben, holte ich sie dann abends im Walkabout ab, und wir aßen chinesisch in China Town (quite obvious). Während Johanna dann abends schlief, übte ich noch einmal meine Präsentation ein.

KCLSU

Der After skool Klub findet nun nicht mehr im Quad statt, sondern in der Student’s Union des King’s Colleges. Der Club ist ähnlich, die Leute sind womöglich dieselben. Ein Pluspunkt ist sicherlich der tolle Blick auf die Themse, den man dort hat, wenn man sich die Zeit nimmt, aus dem Fenster zu schauen. Ansonsten ist man eigentlich gut damit beschäftigt, zu tanzen, denn die DJs lassen eigentlich keinen Indie-Hit aus. Deswegen nahm ich mir am Samstag die wohlverdiente Lernpause und traf dort Sarah und Sabrina, die es nicht mal ein paar Wochen ohne London ausgehalten hatte. Ich hoffe, dass ich dieses Heimweh in ein paar Wochen nicht auch verspüren muss.

Electric Ballroom

Seitdem das Sin an der Tottenham Court Road seine Tore geschlossen hat, gibt es nur noch einen nennenswerten Club, der Musik zum Haareföhnen spielt: Der Electric Ballroom. Freitags ging ich mit Giovanni zur „Sin City“ dorthin, um genau diese Musik zu konsumieren. Vorher tranken wir uns noch ein paar Bierchen im Good Mixer, einem Pub, in dem auch Amy Winehouse mal Stammgast war, als sie ihre Drogenkarriere noch etwas ernster nahm.

Musik und Leute im Electric Ballroom waren super. Mehr kann man dazu nicht sagen. Ich glaube, die Bilder sprechen für sich.

Edinburgh

Gefühlte 2 Minuten 11 Sekunden hat es gedauert, bis ich nach der Ankunft den ersten Dudelsack gehört habe. Sowieso wurde allerorts viel Wert darauf gelegt, jedem klar zu machen, wo man sich befindet. Während meiner ganzen Reise habe ich nirgendwo so viel Nationalsymbolik und Fähnchen gesehen, nicht einmal in London. Zunächst ging ich die Princes Street hinunter, vorbei an unzähligen Kilt Shops, um mein Gepäck in mein Hostelzimmer zu packen. Danach traf ich Behnoush beim Scott Monument, die zufällig auch in dieser Stadt verweilte und wir setzten uns vor die National Gallery of Scotland, um die scheinende Sonne zu genießen. Prompt wurden wir Teil eines norwegischen Schulprojekts: Zwei Schülerinnen wollten Fotos von uns machen, da sie angeblich für ihr Projekt Bilder von cool gekleideten Leuten brauchten. Das sagt nun vielleicht mehr über die durchschnittliche Coolness der Leute Edinburghs als über unsere. Meinen Stil beschrieb ich ihnen als ‘heroin chic’.

Nach einem italienischen Dinner inkl. Sprachkurs (Edimburgo mit ‘m’) stürzten wir uns in das pulsierende Nachtleben eines Montagabends. Im Cabaret Voltaire kamen wir rechtzeitig an, um die letzten Akkorde der dort aufspielenden Band mitzubekommen. Danach wurde der Laden für eine Stunde geschlossen, damit man angeblich für die darauffolgende Party die Bühne umbauen muss. Ganz verstanden habe ich das nicht, denn als wir um 11 wiederkamen, sah der Raum eigentlich aus wie vorher. Womöglich musste die Band raus aus ihrem Bühnenoutfit und rein in die DJ-Klamotten, man weiß es nicht. Die Musik war okay, die Preise fair. Deswegen und auf Grund des mittlerweile stabilen Pfunds ließ sich der Barkeeper jedoch nicht mit Euros zu Sonderwünschen überreden („Sorry, we don’t accept Euros.“)

Dienstag sahen wir uns dann noch den Rest der Stadt an; das prachtvolle Edinburgh Castle, das architektonisch außergewöhnliche schottische Parlament, den unspektakulären Hafen von Leith und natürlich das Museum of Childhood. Für einen letzten Abend in Schottland fehlte mir dann jedoch die Ausdauer und ich ging früh zu Bett.

Am Mittwochmorgen verabschiedete ich noch kurz Behnoush und machte mich dann auf, die Hügel der Stadt zu erklimmen. Um mich auf den sage und schreibe 251 Meter hohen Arthur’s Seat vorzubereiten stieg ich erstmal auf den Calton Hill und machte meine Fotos. Der Aufstieg zum Arthur’s Seat war etwas beschwerlicher, bot aber auch einen weitaus schöneren Blick auf die Stadt, das Meer und die umliegenden Hügel. Den Rest des Tages genoss ich noch ein wenig die Sonne in den Princes Street Gardens, ehe ich mich in den Zug zurück nach London setzte. Innerhalb von fünf Stunden und sogar 20 Minuten vor geplanter Ankunft kam ich dann in King’s Cross an.

Alles in allem eine sehr lohnenswerte und interessante Reise. Besonders spannend war für mich, die Besonderheiten des jeweiligen Akzents herauszufinden. Es ist schon erstaunlich, dass selbst die Akzente der Liverpuddlians und Mancunians, die nur eine halbe Zugstunde voneinander entfernt wohnen, so unterschiedlich sind. Überrascht hat mich auch die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der englischen Bahnen, die im Vergleich zu Deutschland sogar noch ziemlich sauber sind. Noch dazu zeichnen sie sich durch eine erfrischende Abwesenheit von weiblichen Kegelclubs jenseits der 50 aus, bei der man sich beispielsweise auf der Route zwischen Leer und Bremen fragen würde, ob man denn überhaupt den richtigen Zug erwischt hat.

Newcastle

Sonntagmittag erreichte ich Newcastle. Im Hostel angekommen, macht ich die Bekanntschaft mit Carlos, einem Brasilianer der ein Jahr in Australien verbracht hatte und auf dem Weg nach Hause sich noch einmal diese Insel ansehen wollte. Seine Route war meiner genau entgegensetzt; er kam gerade aus Edinburgh und wollte weiter nach Liverpool. Nachdem wir unsere Betten bezogen hatten, sahen wir uns gemeinsam die Stadt an; vor allem die Brücken über den River Tyne, von denen jede ihre eigene Art hat, großen Schiffen Platz zu machen. Da wäre zum Beispiel die Swing Bridge, die sich bei annähernden Schiffen um eine Achse in der Mitte des Flusses dreht oder die wohl spektakulärste Brücke der Stadt: die Gateshead Millennium Bridge. Sie wird einfach nach oben geklappt.

Danach genossen wir ein wenig Landluft inmitten der Stadt. Town Moor ist ein Fleckchen Ackerland, auf dem ein paar Kühe weiden. Von den dortigen Hügeln sollte man angeblich einen tollen Blick über die Stadt haben, was wir allerdings nicht so recht nachvollziehen konnten. Trotzdem war es toll mal eine Kuhwiese zu sehen, die von CCTV überwacht wird.

Abends tranken wir dann noch ein paar Pint im Head of Steam und stellten uns auf eine ruhige Nacht ein. Leider sollte diese Erwartung nicht erfüllt werden. Es stellte sich heraus, dass wir zwei neue Zimmergenossen bekommen hatten. Ein junger Mann aus Cornwall, der am nächsten Tag ein Bewerbungsgespräch in der Stadt hatte und ein etwas seltsamer älterer Herr, der sich als dessen Großvater ausgab. Hinterher stellte sich heraus, dass dieser ältere Herr dem anderen nur hinterhergelaufen war, nachdem dieser ihn nach dem Weg gefragt hatte. Dieser Typ, RAF-Veteran, wie er uns in der Nacht noch etwa achtzig Mal erzählte hatte, beschloss dann spontan im Hostel einzuchecken und sich zur Feier des Tages noch einmal drei Flaschen Wein zu bestellen. Nachdem er diese geleert hatte, hielt er uns ungefragt die ganze Nacht mit seinen Geschichten von den Falkland-Inseln wach. Irgendwann mussten wir ihn dann in den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss bringen, wobei wir Glück hatten, dass er die Treppe nicht heruntergefallen ist. Wir waren uns zumindest sicher, dass er es in die andere Richtung in dieser Nacht nicht mehr schaffen würde. Kurz bevor ich am nächsten Morgen aufstand, kam er jedoch noch einmal ins Zimmer, um sich mit einem geheimnisvollen „The Night never stops“ zu verabschieden.

Bevor ich Newcastle in Richtung Edinburgh verließ und mich von Carlos verabschiedete, gingen wir noch ins Baltic Centre for Contemporary Art. Dort gab es nicht nur ein paar interessante Installationen zu sehen, sondern man hatte dort wirklich einen tollen Ausblick über die Stadt. Nur Town Moor konnte man von dort nicht erkennen.

Manchester

In Manchester begrüßten mich strahlende Sonne und blauer Himmel. Das hatte mir der Reiseführer zwar anders versprochen, eine Reklamation erschien mir jedoch unverhältnismäßig. Da ich meine Reise etwas kurzfristig geplant hatte, waren Manchesters Hostels leider ausgebucht und so checkte ich in einem kleinen Hotel knapp außerhalb des Zentrums ein. Dies befand sich im Süden, am Ende der „Curry-Meile“, die kurz hinter dem Uni-Campus beginnt, in Rusholme.

Im Gegensatz zum maritimen Liverpool versprüht Manchester eher einen urbanen Flair, was mir persönlich mehr zusagt. Auch musikalisch liegt für mich Manchester vorne: Man denke nur an Simply Red oder auch an Take That, die nach dem Ausstieg Robbie Williams’ damals New Order gründeten. Bei einer vergleichbaren Band aus Liverpool fielen mir höchstens noch die Wings ein, doch die haben sich längst aufgelöst.

Im Südwesten gibt es das Viertel Castlefield, das wohl zu den schöneren Ecken Manchesters gehört. Wenn man dort am Kanal entlangläuft sieht man immer wieder nette Cafés am Ufer und Menschen, die dort das ungewohnt gute Wetter genießen. Am Ende des Kanals, kurz nach dem Gay Village, kommt man dann ganz zentral im Piccadilly-Viertel wieder heraus. Von dort ist es nicht weit zum Northern Quarter, in denen sich die interessanteren Pubs und Clubs der Subkultur befinden. Dort schaute ich mir abends im Night & Day Cafe ein paar Newcomer-Bands an, die mich zwar unterhielten, doch an die ich mich rückblickend nicht mehr recht erinnern kann. Nach der letzten Band ging ich dann noch mit ein paar Leuten, die ich dort kennen gelernt hatte – obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, nicht ‘upset’ zu wirken – ins 5th Avenue. Günstige Drinks und sehr gute Musik motivierten dann länger dort zu bleiben als geplant. Der Club kann durchaus mit denen Londons mithalten.

Auf dem Rückweg stieg ich leider etwas zu früh aus dem Bus aus. Vor der letzten Curry-Meile stolperte ich ins Big Hands, um mir eine Erfrischung zu holen. Drinnen genossen gerade die Leute von Nashville Pussy, die schon seit Bristol ungefähr den gleichen Tourplan wie ich hatten, ihren Feierabend nach einem Gig in der Academy. Ein Rekrut der örtlichen Turbojugend feierte seinen Geburtstag und war sich nicht zu schade, mir deswegen nach fünf-minütiger Bekanntschaft ein Bierchen auszugeben, nach dem ich ihm ein Gespräch aufgezwungen hatte. Das war dann auch mein letztes für diesen Abend.

Am nächsten Morgen stand ich etwas später auf. Das Gelände der Academy auf dem Campus der Uni hingegen war gesäumt von Frühaufstehern. Ein bunter Haufen schwarzbekleideter Emo-Jünger wartete dort ausdauernd auf einen Auftritt von Taking Back Sunday während ich versuchte mit Hilfe meiner Kamera zumindest den Freitag zurückzuholen.

Auf dem Campus befindet sich auch das Manchester Museum. Dort sah ich mir eine Ausstellung zum Thema ‘Myths about Race’ an, in der das rassistische Denken, das auch zur Rechtfertigung der Sklaverei benutzt wurde, kritisch betrachtet wurde. Denn ähnlich wie Bristol und Liverpool profitierte auch Manchester vom Sklavenhandel. Die Baumwolle, die in den englischen Kolonien von Sklaven geerntet wurde, wurde hier zu Textilien weiter verarbeitet, die wiederum eines der Hauptexportartikel der Liverpooler Sklavenhändler darstellten. Danach gab es noch ein wenig antike Mythologie und mein Appetit nach Wissen war fürs Erste gestillt.

Auch wenn ich eigentlich nicht religiös bin, musste ich doch den Weg nach Salford antreten. Der kleine Ort wird von Manchester nur durch den kleinen Fluss Irwell getrennt. Das Ziel meines Pilgerausflugs war der Salford Lads Club, vor dem die Schmitz damals legendäre Fahrradtouren unternommen hatten. Nachdem ich dort eine Minute innegehalten hatte, wünschte ich mir auch ein Fahrrad, denn der Weg dorthin war letztendlich doch nicht so kurz, wie ich mir das gedacht hatte.

Kurz vor Schluss besuchte ich noch schnell das Museum of Science & Industry in Manchester, das ich wirklich nur empfehlen kann. Dort werden alle möglichen technischen Sachen, die nur entfernt etwas mit Manchester zu tun haben, erklärt. Man lernt etwas über die Geschichte Manchesters, die Wasserversorgung, Elektrizität und Dampfkraft. Wow. Highlight für mich war natürlich ein Nachbau des Baby, dem ersten Computer, auf dem man ein Programm im RAM speichern konnte. Da habe ich mir natürlich einiges abgeschaut für meine CPU-Design-Hausarbeit.

Abends trank ich noch ein Pint in der Dry Bar, wo Shaun Ryder und Liam Gallagher Hausverbot haben. Gleiche Ehren wurden mir leider nicht zu Teil. Als ich mein Bierglas umkippte, schüttelte die Bedienung nur genervt mit dem Kopf und schaute so, wie meine Mutter manchmal guckt, wenn ich mal wieder Dumm Tüch von mir gegegeben habe.

Liverpool

Mittwoch abends kam ich dann in Liverpool an und sah mir erstmal die Stadt selbst an. Viel war an diesem Tag anscheinend nicht los, deswegen beließ ich es dabei, mir im Heebie Jeebies, das mir für diesen Zweck angemessen erschien, ein paar Pints zu gönnen und stattdessen den nächsten Tag zu verplanen.

Als erstes sah ich mir die Skulptur-Ausstellung in der Tate Liverpool an und nach dem Mittagessen – Warhols Campbell’s Dosen und Dalis Lobster Telephone regten meinen Appetit an – das International Slavery Museum. Dort wurde die ganze Geschichte des Sklavenhandels dargestellt und auch Liverpools Rolle nicht verschwiegen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Penny Lane ihren Namen James Penny verdankt: Einem wohlhabenden Sklavenschiffbesitzer des 18. Jahrhunderts. Bei einer geplanten Änderung der Straßennamen mit heikler Vorgeschichte entschied man sich, Penny Lane außen vorzulassen.

Auch sehenswert ist die anglikanische Liverpool Cathedral, die wohl die fünftgrößte Kathedrale der Welt ist. Designt wurde die übrigens von dem gleichen Typen, der auch die roten Telefonzellen entworfen hat. Sieht man ihr nicht auf den ersten Blick an. Genauso wie man der katholischen Kirche in Liverpool nicht ansieht, dass sie keine Scientology-Filiale ist.

Abends sah ich mir dann in der Zanzibar ein paar aufstrebende Bands an. An Namen oder Musik erinnere ich mich nicht, Arcade Fire und Bloc Party scheinen aber sehr einflussreiche Bands zu sein. Ein paar nette Leute lernte ich sogar auch noch kennen; ein Mädchen fragte mich, ob ich ‘upset’ wäre. Nachdem ich ihr erklärte, dass das mein normaler Ausdruck sei und ich eigentlich bester Laune wäre, lud sie mich zu sich und ihren Freunden an den Tisch ein. So lernte ich dann schnell noch, wer in welcher Band spielt und wen ich mir unbedingt anschauen müsste. Das wusste ich leider am nächsten Morgen nicht mehr und verpasse wahrscheinlich das next big thing. Schade.

Menschenkenntnis

Frisch aus dem Kakao gezogen

Frisch aus dem Kakao gezogen

Die Odyssee der letzten Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Ich war auf dem Heimweg in frische Farbe getreten. Die Leere die Laurence nach seiner Verabschiedung Richtung Leicester hinterlassen hatte, versuchte ich notdürftig mit UV-Strahlen im Hyde Park zu füllen. Also passenderweise Departure von den Crystal Stilts auf die Ohren geschaltet und losgelaufen. Ungefähr auf Höhe des Trafalgar Squares wurde ich dann von einem älteren Herrn darauf angesprochen, dass das Wetter wohl herrlich sei. Darauf musterte ich zunächst den Herrn und vermutete die übliche Verarsche; dann den Himmel, bestätigte ihm aufgrund der klaren Sachlage aus Höflichkeit seine Beobachtung und drehte die Lautstärke meines MP3-Abspielgeräts vorsichtshalber ein wenig höher. Doch er ließ sich von solcher Zugeknöpftheit nicht beirren und fragte weiter, ob ich hier im Urlaub wäre. Ich gab auf und zählte in Gedanken das Kleingeld in meinem Geldbeutel, auf das er es ja offensichtlich abgesehen hatte. Nach ein wenig Smalltalk stellte sich jedoch heraus, dass er selbst wohl über genug Kleingeld verfügt, da seine Wohnung um die Ecke in Kensington gegenüber des Hyde Parks liegt. Er fragte mich noch, woher ich herkäme, da er meinen Akzent nicht erkenne und ob mir London gefiele. Ich war natürlich interessiert, was man so machen muss, um sich eine Wohnung in solch nobler Lage leisten zu können. Seine Antwort lautete: Editorial Director beim NME. Dieser Tätigkeit gehe er zwar seit sieben Jahren nicht mehr nach, mache sich aber eine gute Zeit mit seiner Abfindung. Er verriet mir, dass er weiter aufgestiegen war, als er eigentlich wollte, da seine eigentlich Passions das Schreiben sei und er mit diesem Business-Kram nicht sehr viel anfangen konnte. Vor dem Hyde Park verabschiedeten wir uns, da er dort auf einen Freund wartete. Später ärgerte ich mich, dass ich nicht nach seinem Namen gefragte habe, da auch eine Recherche im Internetz keine Resultate lieferte. Und natürlich, dass ich ihm nicht ein paar Bands genannt habe, die er seinen alten Kollegen mal empfehlen sollte. In Zukunft werde ich immer ein Mixtape dabei haben.

Auf dem Rückweg vom Hyde Park lief ich die Waterloo Road entlang und mein Blick blieb etwas länger an einer attraktiven Frau hängen, die in Beisein einer kahlköpfigen Kante die Straße entlang flanierte. Die Kante schaute mich zweifelnd an und rief: „Oi“. Ich erschrak fürchterlich und überlegte blitzartig, wie ich das Anstarren seiner Freundin rechtfertige, ob ich mich wehren sollte, wenn er mich verprügelt oder sofort renne. Doch er fuhr gleich fort: „Hey mate, can you tell me the way to the London Eye?“ Okay, die Frage in Sichtweite des Ziels zu stellen war dämlich, aber ich war zu glücklich und dankbar, verschont zu werden, sodass ich gerne behilflich war.

So wurde meine mangelhafte Menschenkenntnis zwei Mal auf erfreuliche Weise aufgedeckt. Wenigstens habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Alte Männer und schottische Skinheads, die einen von der Seite auf der Straße anlabern, müssen nicht immer scheiße sein.

Während der ganzen Zeit lief Departure von den Crystal Stilts. Schon jetzt im Frühling der Sommerhit des Jahres 2009. Ich weiß, Mama: Du wirst vielleicht die Produktion bemängeln und dich über die mangelnde Verständlichkeit der Stimme beschweren oder das ganze als simplen The Jesus & Mary Chain-Ripoff abtun. Doch das alles spielt keine Rolle, da das trockene Schlagzeug, der hallende Gitarrensound, sowie die zelebrierte Geistesabwesenheit einfach umwerfend cool sind. Das Video zur ersten Single des Albums „Alight of Night“:

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