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Baby
In Manchester begrüßten mich strahlende Sonne und blauer Himmel. Das hatte mir der Reiseführer zwar anders versprochen, eine Reklamation erschien mir jedoch unverhältnismäßig. Da ich meine Reise etwas kurzfristig geplant hatte, waren Manchesters Hostels leider ausgebucht und so checkte ich in einem kleinen Hotel knapp außerhalb des Zentrums ein. Dies befand sich im Süden, am Ende der „Curry-Meile“, die kurz hinter dem Uni-Campus beginnt, in Rusholme.
Im Gegensatz zum maritimen Liverpool versprüht Manchester eher einen urbanen Flair, was mir persönlich mehr zusagt. Auch musikalisch liegt für mich Manchester vorne: Man denke nur an Simply Red oder auch an Take That, die nach dem Ausstieg Robbie Williams’ damals New Order gründeten. Bei einer vergleichbaren Band aus Liverpool fielen mir höchstens noch die Wings ein, doch die haben sich längst aufgelöst.
Im Südwesten gibt es das Viertel Castlefield, das wohl zu den schöneren Ecken Manchesters gehört. Wenn man dort am Kanal entlangläuft sieht man immer wieder nette Cafés am Ufer und Menschen, die dort das ungewohnt gute Wetter genießen. Am Ende des Kanals, kurz nach dem Gay Village, kommt man dann ganz zentral im Piccadilly-Viertel wieder heraus. Von dort ist es nicht weit zum Northern Quarter, in denen sich die interessanteren Pubs und Clubs der Subkultur befinden. Dort schaute ich mir abends im Night & Day Cafe ein paar Newcomer-Bands an, die mich zwar unterhielten, doch an die ich mich rückblickend nicht mehr recht erinnern kann. Nach der letzten Band ging ich dann noch mit ein paar Leuten, die ich dort kennen gelernt hatte – obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, nicht ‘upset’ zu wirken – ins 5th Avenue. Günstige Drinks und sehr gute Musik motivierten dann länger dort zu bleiben als geplant. Der Club kann durchaus mit denen Londons mithalten.
Auf dem Rückweg stieg ich leider etwas zu früh aus dem Bus aus. Vor der letzten Curry-Meile stolperte ich ins Big Hands, um mir eine Erfrischung zu holen. Drinnen genossen gerade die Leute von Nashville Pussy, die schon seit Bristol ungefähr den gleichen Tourplan wie ich hatten, ihren Feierabend nach einem Gig in der Academy. Ein Rekrut der örtlichen Turbojugend feierte seinen Geburtstag und war sich nicht zu schade, mir deswegen nach fünf-minütiger Bekanntschaft ein Bierchen auszugeben, nach dem ich ihm ein Gespräch aufgezwungen hatte. Das war dann auch mein letztes für diesen Abend.
Am nächsten Morgen stand ich etwas später auf. Das Gelände der Academy auf dem Campus der Uni hingegen war gesäumt von Frühaufstehern. Ein bunter Haufen schwarzbekleideter Emo-Jünger wartete dort ausdauernd auf einen Auftritt von Taking Back Sunday während ich versuchte mit Hilfe meiner Kamera zumindest den Freitag zurückzuholen.
Auf dem Campus befindet sich auch das Manchester Museum. Dort sah ich mir eine Ausstellung zum Thema ‘Myths about Race’ an, in der das rassistische Denken, das auch zur Rechtfertigung der Sklaverei benutzt wurde, kritisch betrachtet wurde. Denn ähnlich wie Bristol und Liverpool profitierte auch Manchester vom Sklavenhandel. Die Baumwolle, die in den englischen Kolonien von Sklaven geerntet wurde, wurde hier zu Textilien weiter verarbeitet, die wiederum eines der Hauptexportartikel der Liverpooler Sklavenhändler darstellten. Danach gab es noch ein wenig antike Mythologie und mein Appetit nach Wissen war fürs Erste gestillt.
Auch wenn ich eigentlich nicht religiös bin, musste ich doch den Weg nach Salford antreten. Der kleine Ort wird von Manchester nur durch den kleinen Fluss Irwell getrennt. Das Ziel meines Pilgerausflugs war der Salford Lads Club, vor dem die Schmitz damals legendäre Fahrradtouren unternommen hatten. Nachdem ich dort eine Minute innegehalten hatte, wünschte ich mir auch ein Fahrrad, denn der Weg dorthin war letztendlich doch nicht so kurz, wie ich mir das gedacht hatte.
Kurz vor Schluss besuchte ich noch schnell das Museum of Science & Industry in Manchester, das ich wirklich nur empfehlen kann. Dort werden alle möglichen technischen Sachen, die nur entfernt etwas mit Manchester zu tun haben, erklärt. Man lernt etwas über die Geschichte Manchesters, die Wasserversorgung, Elektrizität und Dampfkraft. Wow. Highlight für mich war natürlich ein Nachbau des Baby, dem ersten Computer, auf dem man ein Programm im RAM speichern konnte. Da habe ich mir natürlich einiges abgeschaut für meine CPU-Design-Hausarbeit.
Abends trank ich noch ein Pint in der Dry Bar, wo Shaun Ryder und Liam Gallagher Hausverbot haben. Gleiche Ehren wurden mir leider nicht zu Teil. Als ich mein Bierglas umkippte, schüttelte die Bedienung nur genervt mit dem Kopf und schaute so, wie meine Mutter manchmal guckt, wenn ich mal wieder Dumm Tüch von mir gegegeben habe.