Archiv der Kategorie 'Musik'

Erste Klasse

Nach gut einem Monat habe ich nun auch endlich meine endgültigen Ergebnisse aus Albion bekommen. Meine Hausarbeiten kamen demnach wohl alle gut an; nur bei den Klausuren hätte ich mir teilweise mehr erhofft. Allerdings waren diese auch in eine denkbar ungünstige Zeit gelegt, so dass ich eigentlich nur froh sein kann, für diese Werke, verfasst zwischen Kater und Grippe, doch noch einige Punkte bekommen zu haben. Jedenfalls hat das Examination Board entschieden, mir ein ‘First Class Honours Degree’ zu verleihen. Hurra. Fühlt sich weniger elitär an, als es sich anhört, aber ich bin erleichtert. In den letzten Wochen ging mir der Scherz, dass ich vielleicht durchgefallen sei, doch mit zunehmend abnehmender Lässigkeit über die Lippen. Wunderschön, jetzt gehe ich mich betrinken.

Run Toto Run mit ihrer Version von Passion Pit’s „Sleepyhead“. Fand ich im ByteFM-Blog und gut:

Return

Samstagmorgen räumte ich die Küche aus. Radio, Töpfe und Weihnachtsbaum hatten leider keinen Platz mehr in meinem Handgepäck und so parkte ich sie im Gemeinschaftsraum, damit sie später für gemeinnützige Zwecke genutzt werden können. Ich hoffe der Weihnachtsbaum findet als Requisite in einem der Theater Southwarks Verwendung; ich habe ihn extra markiert. Gespannt bin ich, wie viel wir letztendlich von unserer Kaution zurückbekommen, denn die Küche und der Flur hatten schon Einiges zu erdulden während wir dort wohnten.

Nachdem ich Schlüssel und Karte an der Rezeption abgegeben hatte, fuhr ich schwer bepackt mit dem Bus zur Victoria Station. Von dort fuhr der Terravision Bus noch ein letztes Mal an Wohnheim und Uni vorbei, was mir die kurze Gelegenheit gab, in Gedanken Goodbye zu sagen. In Stansted traf ich dann einen Kommilitonen aus London, der mit seiner Familie auch auf dem Weg nach Bremen war. Nach dem üblichen Ryanair-Stress landete ich alsbald in der Hansestadt und freute mich schon ein wenig, wieder da zu sein.

In der Grundstraße wurde ich gewohnt herzlich empfangen und man arbeitete die Geschehnisse des letzten halben Jahres auf. Nach einem kurzen Picknick am Osterdeich holte ich dann noch eine Kiste Becks und begab mich zur Mozze, wo mir unter Bryans Schirmherrschaft mit meinen Kommilitonen aus Bremen ein herzerweichender Umtrunk zu Ehren meiner Wiederkehr kredenzt wurde. Der Weg dorthin erwies sich allerdings schwieriger als gedacht, da ich erstmal auf der falschen Seite auf die Straßenbahn wartete und daraufhin auch noch in die falsche Straßenbahn stieg. Trotzdem kam ich dann irgendwann an und war erfreut, bekannte Gesichter wiederzusehen. Später ging es dann noch zum Tanzen ins Zucker. Daran schloss sich noch eine Woche mit einigen Trinkgelagen und ein Hurricane-Wochenende an, bis ich dann auch meine Familie daheim im Westen mal wieder zu Gesicht bekam und ihre Sorge um mich ein vorläufiges Ende nahm.

Damit ist mein Jahr an der Themse hinter mich gebracht. Ich habe es auf keinen Fall bereut und erwäge ernsthaft, zurückzukehren. Als Mensch bin ich sicherlich gereift und bin, so denke ich, ein anderer als der, der letztes Jahr im Spätsommer in Köln in den ICE stieg. Es sind nicht nur die Parties, die multikulturelle Atmosphäre, die Architektur, die Parks und die Pubs, die ich vermisse, sondern vor allem die offenen, freundlichen Menschen, mit denen ich das Glück hatte, Freundschaft zu schließen. Während des letzten Jahres kamen mir oft gute Gedanken, die ich hier als Fazit hätte einbringen können. Leider fehlte mir allzuoft ein Notizblock oder der Wille, den Moment, durch Zücken des selbigen zu zerstören. So kann ich meinen Nachfolgern und allen, die überlegen, hier mal rüberzukommen mit britischem Understatement nur versichern: London ist okay.

Ende Juli werde ich noch einmal kurz für meine Graduation Ceremony wiederkommen. Währenddessen genieße ich mit guten Freunden und Yo La Tengo den Sommer:

KCLSU

Der After skool Klub findet nun nicht mehr im Quad statt, sondern in der Student’s Union des King’s Colleges. Der Club ist ähnlich, die Leute sind womöglich dieselben. Ein Pluspunkt ist sicherlich der tolle Blick auf die Themse, den man dort hat, wenn man sich die Zeit nimmt, aus dem Fenster zu schauen. Ansonsten ist man eigentlich gut damit beschäftigt, zu tanzen, denn die DJs lassen eigentlich keinen Indie-Hit aus. Deswegen nahm ich mir am Samstag die wohlverdiente Lernpause und traf dort Sarah und Sabrina, die es nicht mal ein paar Wochen ohne London ausgehalten hatte. Ich hoffe, dass ich dieses Heimweh in ein paar Wochen nicht auch verspüren muss.

Crystal Stilts

Gestern spielten die Crystal Stilts im Luminaire in Kilburn. Und ich muss sagen, das Luminaire in Kilburn ist ein verdammt sympathischer Club. Bevor dieser öffnete, konnte man sich im Pub nebenan schon einmal mit ein paar Pints auf den Abend vorbereiten. Auch irgendwie nett war, wenn man vom deutschen Ticketmädchen mit den Worten „Ah, der Jan“ begrüßt wird. Eine gemeinsame Sprache verbindet ja manchmal schon irgendwie. Die Räumlichkeiten des Luminaires bestechen durch schummrige Beleuchtung und eine kleine Bühne, die sofort Nähe zum Publikum schafft. In den Genuss dieser Nähe kamen zunächst die tollen Maribel aus Oslo, die auf wundervolle Weise meine psychedelische Seele einbalsamierten. Leider hatten sie etwas mit der kratzenden PA-Anlage zu kämpfen. Danach erklommen Shrag aus Brighton die Bühne: Zwei ältere Herren spielen ihre liebsten Pavement-Songs und lassen dazu ihre Sängerinnen, die sie wahrscheinlich auf der Geburtstagsparty ihrer kleinen Schwester kennengelernt haben, ein bisschen Riot Grrrls spielen. Gibt natürlich schlimmere Einflüsse.

Die Enttäuschung des Abends war dann die Hauptband selbst. Ihre Musik klang genau so, wie man sich das am vorherigen Abend noch auf Platte angehört hatte. Ihr volltrunkener Keyboarder war da noch das Lustigste. Oder der tolle Witz aus dem Publikum, dass die Vocals zu leise wären. Der Sänger konnte aber leider nicht einmal darüber lachen. Was Paul Smith von ihnen dachte, der schräg hinter mir stand, konnte ich leider nicht herausfinden. Da seine Freundin bei ihm stand, traute ich mich auch nicht einmal, ihm zu sagen, wie toll ich sein „I predict a riot“ finde. Trotz der enttäuschenden Hauptband ein unterhaltsamer Abend.

Electric Ballroom

Seitdem das Sin an der Tottenham Court Road seine Tore geschlossen hat, gibt es nur noch einen nennenswerten Club, der Musik zum Haareföhnen spielt: Der Electric Ballroom. Freitags ging ich mit Giovanni zur „Sin City“ dorthin, um genau diese Musik zu konsumieren. Vorher tranken wir uns noch ein paar Bierchen im Good Mixer, einem Pub, in dem auch Amy Winehouse mal Stammgast war, als sie ihre Drogenkarriere noch etwas ernster nahm.

Musik und Leute im Electric Ballroom waren super. Mehr kann man dazu nicht sagen. Ich glaube, die Bilder sprechen für sich.

Manchester

In Manchester begrüßten mich strahlende Sonne und blauer Himmel. Das hatte mir der Reiseführer zwar anders versprochen, eine Reklamation erschien mir jedoch unverhältnismäßig. Da ich meine Reise etwas kurzfristig geplant hatte, waren Manchesters Hostels leider ausgebucht und so checkte ich in einem kleinen Hotel knapp außerhalb des Zentrums ein. Dies befand sich im Süden, am Ende der „Curry-Meile“, die kurz hinter dem Uni-Campus beginnt, in Rusholme.

Im Gegensatz zum maritimen Liverpool versprüht Manchester eher einen urbanen Flair, was mir persönlich mehr zusagt. Auch musikalisch liegt für mich Manchester vorne: Man denke nur an Simply Red oder auch an Take That, die nach dem Ausstieg Robbie Williams’ damals New Order gründeten. Bei einer vergleichbaren Band aus Liverpool fielen mir höchstens noch die Wings ein, doch die haben sich längst aufgelöst.

Im Südwesten gibt es das Viertel Castlefield, das wohl zu den schöneren Ecken Manchesters gehört. Wenn man dort am Kanal entlangläuft sieht man immer wieder nette Cafés am Ufer und Menschen, die dort das ungewohnt gute Wetter genießen. Am Ende des Kanals, kurz nach dem Gay Village, kommt man dann ganz zentral im Piccadilly-Viertel wieder heraus. Von dort ist es nicht weit zum Northern Quarter, in denen sich die interessanteren Pubs und Clubs der Subkultur befinden. Dort schaute ich mir abends im Night & Day Cafe ein paar Newcomer-Bands an, die mich zwar unterhielten, doch an die ich mich rückblickend nicht mehr recht erinnern kann. Nach der letzten Band ging ich dann noch mit ein paar Leuten, die ich dort kennen gelernt hatte – obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, nicht ‘upset’ zu wirken – ins 5th Avenue. Günstige Drinks und sehr gute Musik motivierten dann länger dort zu bleiben als geplant. Der Club kann durchaus mit denen Londons mithalten.

Auf dem Rückweg stieg ich leider etwas zu früh aus dem Bus aus. Vor der letzten Curry-Meile stolperte ich ins Big Hands, um mir eine Erfrischung zu holen. Drinnen genossen gerade die Leute von Nashville Pussy, die schon seit Bristol ungefähr den gleichen Tourplan wie ich hatten, ihren Feierabend nach einem Gig in der Academy. Ein Rekrut der örtlichen Turbojugend feierte seinen Geburtstag und war sich nicht zu schade, mir deswegen nach fünf-minütiger Bekanntschaft ein Bierchen auszugeben, nach dem ich ihm ein Gespräch aufgezwungen hatte. Das war dann auch mein letztes für diesen Abend.

Am nächsten Morgen stand ich etwas später auf. Das Gelände der Academy auf dem Campus der Uni hingegen war gesäumt von Frühaufstehern. Ein bunter Haufen schwarzbekleideter Emo-Jünger wartete dort ausdauernd auf einen Auftritt von Taking Back Sunday während ich versuchte mit Hilfe meiner Kamera zumindest den Freitag zurückzuholen.

Auf dem Campus befindet sich auch das Manchester Museum. Dort sah ich mir eine Ausstellung zum Thema ‘Myths about Race’ an, in der das rassistische Denken, das auch zur Rechtfertigung der Sklaverei benutzt wurde, kritisch betrachtet wurde. Denn ähnlich wie Bristol und Liverpool profitierte auch Manchester vom Sklavenhandel. Die Baumwolle, die in den englischen Kolonien von Sklaven geerntet wurde, wurde hier zu Textilien weiter verarbeitet, die wiederum eines der Hauptexportartikel der Liverpooler Sklavenhändler darstellten. Danach gab es noch ein wenig antike Mythologie und mein Appetit nach Wissen war fürs Erste gestillt.

Auch wenn ich eigentlich nicht religiös bin, musste ich doch den Weg nach Salford antreten. Der kleine Ort wird von Manchester nur durch den kleinen Fluss Irwell getrennt. Das Ziel meines Pilgerausflugs war der Salford Lads Club, vor dem die Schmitz damals legendäre Fahrradtouren unternommen hatten. Nachdem ich dort eine Minute innegehalten hatte, wünschte ich mir auch ein Fahrrad, denn der Weg dorthin war letztendlich doch nicht so kurz, wie ich mir das gedacht hatte.

Kurz vor Schluss besuchte ich noch schnell das Museum of Science & Industry in Manchester, das ich wirklich nur empfehlen kann. Dort werden alle möglichen technischen Sachen, die nur entfernt etwas mit Manchester zu tun haben, erklärt. Man lernt etwas über die Geschichte Manchesters, die Wasserversorgung, Elektrizität und Dampfkraft. Wow. Highlight für mich war natürlich ein Nachbau des Baby, dem ersten Computer, auf dem man ein Programm im RAM speichern konnte. Da habe ich mir natürlich einiges abgeschaut für meine CPU-Design-Hausarbeit.

Abends trank ich noch ein Pint in der Dry Bar, wo Shaun Ryder und Liam Gallagher Hausverbot haben. Gleiche Ehren wurden mir leider nicht zu Teil. Als ich mein Bierglas umkippte, schüttelte die Bedienung nur genervt mit dem Kopf und schaute so, wie meine Mutter manchmal guckt, wenn ich mal wieder Dumm Tüch von mir gegegeben habe.

Liverpool

Mittwoch abends kam ich dann in Liverpool an und sah mir erstmal die Stadt selbst an. Viel war an diesem Tag anscheinend nicht los, deswegen beließ ich es dabei, mir im Heebie Jeebies, das mir für diesen Zweck angemessen erschien, ein paar Pints zu gönnen und stattdessen den nächsten Tag zu verplanen.

Als erstes sah ich mir die Skulptur-Ausstellung in der Tate Liverpool an und nach dem Mittagessen – Warhols Campbell’s Dosen und Dalis Lobster Telephone regten meinen Appetit an – das International Slavery Museum. Dort wurde die ganze Geschichte des Sklavenhandels dargestellt und auch Liverpools Rolle nicht verschwiegen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Penny Lane ihren Namen James Penny verdankt: Einem wohlhabenden Sklavenschiffbesitzer des 18. Jahrhunderts. Bei einer geplanten Änderung der Straßennamen mit heikler Vorgeschichte entschied man sich, Penny Lane außen vorzulassen.

Auch sehenswert ist die anglikanische Liverpool Cathedral, die wohl die fünftgrößte Kathedrale der Welt ist. Designt wurde die übrigens von dem gleichen Typen, der auch die roten Telefonzellen entworfen hat. Sieht man ihr nicht auf den ersten Blick an. Genauso wie man der katholischen Kirche in Liverpool nicht ansieht, dass sie keine Scientology-Filiale ist.

Abends sah ich mir dann in der Zanzibar ein paar aufstrebende Bands an. An Namen oder Musik erinnere ich mich nicht, Arcade Fire und Bloc Party scheinen aber sehr einflussreiche Bands zu sein. Ein paar nette Leute lernte ich sogar auch noch kennen; ein Mädchen fragte mich, ob ich ‘upset’ wäre. Nachdem ich ihr erklärte, dass das mein normaler Ausdruck sei und ich eigentlich bester Laune wäre, lud sie mich zu sich und ihren Freunden an den Tisch ein. So lernte ich dann schnell noch, wer in welcher Band spielt und wen ich mir unbedingt anschauen müsste. Das wusste ich leider am nächsten Morgen nicht mehr und verpasse wahrscheinlich das next big thing. Schade.

Bristol

Hätte ich nicht die Tickets schon bezahlt gehabt, wäre ich an diesem Dienstag nach Ostern wohl im Bett geblieben. Um zwanzig nach neun ging es nämlich zu Gunsten des Off-Peak Rabatts schon los zum ersten Ziel meiner Reise: Brizzle, wie es die Einheimischen nennen. Gut anderthalb Stunden nach meiner Abfahrt von der Waterloo Station war ich dann auch schon dort. Eine Mischung aus trübem Wetter, einer verdächtig ruhigen Stadt und einer noch verdächtigeren Abwesenheit jeglicher Trip Hop-Beats erwartete mich. Erwartete ich. Jedenfalls war sie da, vielleicht schon seit zehn Jahren.

Nach dem Einchecken im freundlich-gemütlichen Backpackers Hostel, sah ich mir dann die Stadt an. Erstes Highlight: Einige der Hausboote am River Avon halten sich wohl Jugendliche durch hochfrequentes Piepen fern, das von Ohren jenseits der 50 nicht mehr wahrgenommen wird. Die Frage, wie man als Besitzer einen Ausfall dieser Anlage feststellt, stellte ich mir aufgrund meiner eigenen Jugendlichkeit, dann nach kurzem Aufenthalt lieber woanders.

City Museum and Art Gallery zeigten etwas aus dem alten Ägypten, ein bisschen Porzellan, zeitgenössische Kunst und Karikaturen. Auch die Sklaverei, die maßgeblich am Aufstieg Bristols beteiligt war, blieb nicht unerwähnt. Verglichen mit den Londoner Museen wirkte das jedoch alles eher provinziell. Weitaus beeindruckender war dann das Wahrzeichen der Stadt: Die Clifton Suspension Bridge. Vom naheliegenden Hügel, auf dem das Observatory und die Camera Obscura stehen, hatte man einen wunderbaren Blick auf dieses verbindende Element. Die Höhe lies natürlich schnell die Frage aufkommen, wann denn das letzte Mal jemand mit einem Düsenjet der Royal Air Force drunterher geflogen und mit 450 mph an den benachbarten Klippen zerschellt ist. 1957.

Das Abendprogramm gestalteten die großartigen Casiotone for the Painfully Alone, die Ein-Mann-Band Own Ashworth aus San Francisco. Davor gab es noch charmante Shoegazer („If you don’t buy our records, it’s because I’m brown and you’re racist.“) und seinen jüngeren Bruder Gordon, der als Concern Ambient-Drone aus seinen Reglern zauberte, um dadurch den Großteil des Publikums zum Bierholen zu animieren. Dass er nach dem Gig mir nicht einmal den Vergleich mit Metal Machine Music übelnahm, rechnete ich ihm hoch an und kaufte ihm für nen Fünfer  ‘ne EP ab. Ich habe große Lust da ein paar Samples für mein Hip Hop-Projekt auszumontieren.

Am nächsten Morgen sah ich mir noch eine Street Art-Ausstellung in der Royal West of England Academy an. Gelohnt hat sich das nur weniger. Street Art Ausstellungen in Museen fehlt es dann doch an Street Credibility. Mit einem kurzen Zwischenstopp in Birmingham ging es dann weiter nach Liverpool.

Menschenkenntnis

Frisch aus dem Kakao gezogen

Frisch aus dem Kakao gezogen

Die Odyssee der letzten Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Ich war auf dem Heimweg in frische Farbe getreten. Die Leere die Laurence nach seiner Verabschiedung Richtung Leicester hinterlassen hatte, versuchte ich notdürftig mit UV-Strahlen im Hyde Park zu füllen. Also passenderweise Departure von den Crystal Stilts auf die Ohren geschaltet und losgelaufen. Ungefähr auf Höhe des Trafalgar Squares wurde ich dann von einem älteren Herrn darauf angesprochen, dass das Wetter wohl herrlich sei. Darauf musterte ich zunächst den Herrn und vermutete die übliche Verarsche; dann den Himmel, bestätigte ihm aufgrund der klaren Sachlage aus Höflichkeit seine Beobachtung und drehte die Lautstärke meines MP3-Abspielgeräts vorsichtshalber ein wenig höher. Doch er ließ sich von solcher Zugeknöpftheit nicht beirren und fragte weiter, ob ich hier im Urlaub wäre. Ich gab auf und zählte in Gedanken das Kleingeld in meinem Geldbeutel, auf das er es ja offensichtlich abgesehen hatte. Nach ein wenig Smalltalk stellte sich jedoch heraus, dass er selbst wohl über genug Kleingeld verfügt, da seine Wohnung um die Ecke in Kensington gegenüber des Hyde Parks liegt. Er fragte mich noch, woher ich herkäme, da er meinen Akzent nicht erkenne und ob mir London gefiele. Ich war natürlich interessiert, was man so machen muss, um sich eine Wohnung in solch nobler Lage leisten zu können. Seine Antwort lautete: Editorial Director beim NME. Dieser Tätigkeit gehe er zwar seit sieben Jahren nicht mehr nach, mache sich aber eine gute Zeit mit seiner Abfindung. Er verriet mir, dass er weiter aufgestiegen war, als er eigentlich wollte, da seine eigentlich Passions das Schreiben sei und er mit diesem Business-Kram nicht sehr viel anfangen konnte. Vor dem Hyde Park verabschiedeten wir uns, da er dort auf einen Freund wartete. Später ärgerte ich mich, dass ich nicht nach seinem Namen gefragte habe, da auch eine Recherche im Internetz keine Resultate lieferte. Und natürlich, dass ich ihm nicht ein paar Bands genannt habe, die er seinen alten Kollegen mal empfehlen sollte. In Zukunft werde ich immer ein Mixtape dabei haben.

Auf dem Rückweg vom Hyde Park lief ich die Waterloo Road entlang und mein Blick blieb etwas länger an einer attraktiven Frau hängen, die in Beisein einer kahlköpfigen Kante die Straße entlang flanierte. Die Kante schaute mich zweifelnd an und rief: „Oi“. Ich erschrak fürchterlich und überlegte blitzartig, wie ich das Anstarren seiner Freundin rechtfertige, ob ich mich wehren sollte, wenn er mich verprügelt oder sofort renne. Doch er fuhr gleich fort: „Hey mate, can you tell me the way to the London Eye?“ Okay, die Frage in Sichtweite des Ziels zu stellen war dämlich, aber ich war zu glücklich und dankbar, verschont zu werden, sodass ich gerne behilflich war.

So wurde meine mangelhafte Menschenkenntnis zwei Mal auf erfreuliche Weise aufgedeckt. Wenigstens habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Alte Männer und schottische Skinheads, die einen von der Seite auf der Straße anlabern, müssen nicht immer scheiße sein.

Während der ganzen Zeit lief Departure von den Crystal Stilts. Schon jetzt im Frühling der Sommerhit des Jahres 2009. Ich weiß, Mama: Du wirst vielleicht die Produktion bemängeln und dich über die mangelnde Verständlichkeit der Stimme beschweren oder das ganze als simplen The Jesus & Mary Chain-Ripoff abtun. Doch das alles spielt keine Rolle, da das trockene Schlagzeug, der hallende Gitarrensound, sowie die zelebrierte Geistesabwesenheit einfach umwerfend cool sind. Das Video zur ersten Single des Albums „Alight of Night“:

Smiths-Reunion

22 Jahre nach ihrer Auflösung entscheiden sich Morrissey und Marr, wieder zusammen Musik zu machen. Der Arbeitstitel des neuen Werks lautet in Anspielung auf ihr zweites Album (das erstaunlicherweise in Amazons jüngst veröffentlichter Liste der 100 Greatest Indie Rock Albums of All Time keinen Platz fand): „Beef is Burglary“. Man darf gespannt sein.

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