Archiv der Kategorie 'Reise'

Graduation

Ein letztes Mal nach London; für die Graduation Ceremony und auch, um noch die letzten zurückgebliebenen Sachen, die ich bei meinem Freund Giovanni gelassen hatte, abzuholen. Gegen Mittwochmittag kam ich mit meinen Eltern am Bridge Hotel in London an. Dies liegt genau gegenüber meiner Uni und stellte sich trotz seiner engen Bemessung als angenehme Unterkunft für meine Eltern heraus. Nachdem ich mit ihnen am Nachmittag gut gespeist und die wichtigen Sehenswürdigkeiten bei einer Bootstour auf der Themse gezeigt hatte, konnte ich sie nach einem letzten Abstecher im Pub auch ruhigen Gewissens am Hotel abgeben und mich zur New Kent Road begeben. Dort traf ich Giovanni, seine Freundin und ein paar Freunde, um mich mit ihnen mit etwas zu viel Rotwein zu betrinken. Glücklicherweise konnte ich dank Giovannis Gewalt über den Generalschlüssel ein (nahezu) leeres Zimmer des Wohnheims als Nachtunterkunft nutzen.

Frohen Mutes und Katers holte ich dann am nächsten Tag meine Eltern ab, um mit ihnen der Zeremonie in der St. Georges Cathedral beizuwohnen. Zunächst musste ich jedoch meine gemietete Robe und mein Mortarboard (wörtlich übersetzt: Mörtelbrett) von der Uni abholen und mich ankleiden lassen. Die Zeremonie ging recht schnell rum. Zunächst hielt der Dekan eine kleine Rede und danach wurden der Reihe nach alle Bachelor-Absolventen aufgerufen, nach vorne zu kommen und dort dem Kanzler die Hand zu schütteln. Respekt gebührt dem Vizekanzler, der es tatsächlich fertig brachte, alle 300 Namen (unabhängig ihrer vielfältigen Herkunft) fehlerfrei vorzutragen. Zum Schluss gab es noch ein paar Häppchen (das klassische LSBU-Büffet aus Sandwhiches, Meeresfrucht- und Fleischspießchen, allerdings ohne Wein aus dem Tetra Pak, dafür mit Sekt) im Garten des Imperial War Museums und die Gesellschaft löste sich auf. Den Nachmittag verbrachte ich dann wieder mit meinen Eltern bei einem Spaziergang im Hyde Park und einem Dinner in China Town; abends öffnete mir Giovanni wieder das Tor zum Wohnheim an der New Kent Road.

Freitags bemühte ich mich mit meinen Eltern die zusätzlichen Sachen, die ich noch in London gelassen hatte, möglichst vernünftig auf unsere Gepäckstücke zu verteilen. Später quälten wir uns dann durch den Stau an der Oxford Street Richtung Notting Hill. Dort bummelten wir noch ein bisschen über den Portobello Road Market und aßen ein paar Spanish Tapas, ehe wir den Rückweg zum Hotel und darauf Richtung Stansted antraten.

Alles in allem war es eine lohnenswerte Reise. Die feierliche Atmosphäre und das Verkleiden machen das Ganze schon zu etwas Besonderem. Auch war es toll, ein paar alte Freunde wiederzusehen. Meine lange Haarpracht und der Anzug brachten allerdings auch prompt Erinnerungen an mein Abitur zurück. Für den nächsten Abschluss sollte ich mir einen neuen Style überlegen.

Return

Samstagmorgen räumte ich die Küche aus. Radio, Töpfe und Weihnachtsbaum hatten leider keinen Platz mehr in meinem Handgepäck und so parkte ich sie im Gemeinschaftsraum, damit sie später für gemeinnützige Zwecke genutzt werden können. Ich hoffe der Weihnachtsbaum findet als Requisite in einem der Theater Southwarks Verwendung; ich habe ihn extra markiert. Gespannt bin ich, wie viel wir letztendlich von unserer Kaution zurückbekommen, denn die Küche und der Flur hatten schon Einiges zu erdulden während wir dort wohnten.

Nachdem ich Schlüssel und Karte an der Rezeption abgegeben hatte, fuhr ich schwer bepackt mit dem Bus zur Victoria Station. Von dort fuhr der Terravision Bus noch ein letztes Mal an Wohnheim und Uni vorbei, was mir die kurze Gelegenheit gab, in Gedanken Goodbye zu sagen. In Stansted traf ich dann einen Kommilitonen aus London, der mit seiner Familie auch auf dem Weg nach Bremen war. Nach dem üblichen Ryanair-Stress landete ich alsbald in der Hansestadt und freute mich schon ein wenig, wieder da zu sein.

In der Grundstraße wurde ich gewohnt herzlich empfangen und man arbeitete die Geschehnisse des letzten halben Jahres auf. Nach einem kurzen Picknick am Osterdeich holte ich dann noch eine Kiste Becks und begab mich zur Mozze, wo mir unter Bryans Schirmherrschaft mit meinen Kommilitonen aus Bremen ein herzerweichender Umtrunk zu Ehren meiner Wiederkehr kredenzt wurde. Der Weg dorthin erwies sich allerdings schwieriger als gedacht, da ich erstmal auf der falschen Seite auf die Straßenbahn wartete und daraufhin auch noch in die falsche Straßenbahn stieg. Trotzdem kam ich dann irgendwann an und war erfreut, bekannte Gesichter wiederzusehen. Später ging es dann noch zum Tanzen ins Zucker. Daran schloss sich noch eine Woche mit einigen Trinkgelagen und ein Hurricane-Wochenende an, bis ich dann auch meine Familie daheim im Westen mal wieder zu Gesicht bekam und ihre Sorge um mich ein vorläufiges Ende nahm.

Damit ist mein Jahr an der Themse hinter mich gebracht. Ich habe es auf keinen Fall bereut und erwäge ernsthaft, zurückzukehren. Als Mensch bin ich sicherlich gereift und bin, so denke ich, ein anderer als der, der letztes Jahr im Spätsommer in Köln in den ICE stieg. Es sind nicht nur die Parties, die multikulturelle Atmosphäre, die Architektur, die Parks und die Pubs, die ich vermisse, sondern vor allem die offenen, freundlichen Menschen, mit denen ich das Glück hatte, Freundschaft zu schließen. Während des letzten Jahres kamen mir oft gute Gedanken, die ich hier als Fazit hätte einbringen können. Leider fehlte mir allzuoft ein Notizblock oder der Wille, den Moment, durch Zücken des selbigen zu zerstören. So kann ich meinen Nachfolgern und allen, die überlegen, hier mal rüberzukommen mit britischem Understatement nur versichern: London ist okay.

Ende Juli werde ich noch einmal kurz für meine Graduation Ceremony wiederkommen. Währenddessen genieße ich mit guten Freunden und Yo La Tengo den Sommer:

Viva

In der Nacht zum Dienstag hatte ich dann noch ein paar Stunden Zeit, um die Präsentation meines Projekts am nächsten Tag vorzubereiten. Am nächsten Morgen stellte ich mir früh den Wecker und übte das Ganze noch einmal vor Johanna ein. Sie fand es okay und ich hatte später den Eindruck, dass mein Supervisor da nicht anders dachte. Am Nachmittag galt es dann noch, die Funktionalität meines Projekt zu demonstrieren, was erstaunlicherweise ganz gut lief. Am Schluss stellte mir mein Supervisor noch ein paar Fragen zum Projekt, die ich eigentlich alle mühelos beantworten konnte. Dann hatte ich es hinter mir und akdademisch war damit für mich das Jahr an der LSBU zu Ende. Das Projekt hat mir großen Spaß gemacht, ich habe Einiges gelernt und nun evtl. eine Idee, was ich später einmal machen möchte. In zwei Wochen sollen die Noten voraussichtlich verschickt werden und Ende Juli bekomme ich dann mein Zeugnis übergeben. Den Party-Marathon, den ich ab diesem Zeitpunkt bis zu meiner Abreise eigentlich einleiten wollte, konnte ich so leider nicht starten, da ich traditionell die Planung meiner Abreise auf den allerletzten Moment verschoben hatte. Immerhin blieb noch Zeit, mit ein paar Freunden ein paar letzte Bierchen zu trinken, auch wenn ich auf Grund meiner Unorganisiertheit nicht allen Leuten so Auf Wiedersehen sagten konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Einen großen Teil meiner Klamotten verschickte ich mit einem Kurierdienst. Dabei vergaß ich natürlich die Absenderadresse auf dem Paket anzubringen. Zum Glück ließ sich das Versehen nach einem Anruf klären. Beim Packen am Freitag bemerkte Giovanni, dass die Gebühren bei Ryanair pro Kilo und nicht pro 15 Kilo anfallen, so dass ich in aller Hektik noch die ganzen Bücher, die ich mir in London gekauft hatte, bei ihm unterbrachte, wofür ich sehr dankbar bin.

Edinburgh

Gefühlte 2 Minuten 11 Sekunden hat es gedauert, bis ich nach der Ankunft den ersten Dudelsack gehört habe. Sowieso wurde allerorts viel Wert darauf gelegt, jedem klar zu machen, wo man sich befindet. Während meiner ganzen Reise habe ich nirgendwo so viel Nationalsymbolik und Fähnchen gesehen, nicht einmal in London. Zunächst ging ich die Princes Street hinunter, vorbei an unzähligen Kilt Shops, um mein Gepäck in mein Hostelzimmer zu packen. Danach traf ich Behnoush beim Scott Monument, die zufällig auch in dieser Stadt verweilte und wir setzten uns vor die National Gallery of Scotland, um die scheinende Sonne zu genießen. Prompt wurden wir Teil eines norwegischen Schulprojekts: Zwei Schülerinnen wollten Fotos von uns machen, da sie angeblich für ihr Projekt Bilder von cool gekleideten Leuten brauchten. Das sagt nun vielleicht mehr über die durchschnittliche Coolness der Leute Edinburghs als über unsere. Meinen Stil beschrieb ich ihnen als ‘heroin chic’.

Nach einem italienischen Dinner inkl. Sprachkurs (Edimburgo mit ‘m’) stürzten wir uns in das pulsierende Nachtleben eines Montagabends. Im Cabaret Voltaire kamen wir rechtzeitig an, um die letzten Akkorde der dort aufspielenden Band mitzubekommen. Danach wurde der Laden für eine Stunde geschlossen, damit man angeblich für die darauffolgende Party die Bühne umbauen muss. Ganz verstanden habe ich das nicht, denn als wir um 11 wiederkamen, sah der Raum eigentlich aus wie vorher. Womöglich musste die Band raus aus ihrem Bühnenoutfit und rein in die DJ-Klamotten, man weiß es nicht. Die Musik war okay, die Preise fair. Deswegen und auf Grund des mittlerweile stabilen Pfunds ließ sich der Barkeeper jedoch nicht mit Euros zu Sonderwünschen überreden („Sorry, we don’t accept Euros.“)

Dienstag sahen wir uns dann noch den Rest der Stadt an; das prachtvolle Edinburgh Castle, das architektonisch außergewöhnliche schottische Parlament, den unspektakulären Hafen von Leith und natürlich das Museum of Childhood. Für einen letzten Abend in Schottland fehlte mir dann jedoch die Ausdauer und ich ging früh zu Bett.

Am Mittwochmorgen verabschiedete ich noch kurz Behnoush und machte mich dann auf, die Hügel der Stadt zu erklimmen. Um mich auf den sage und schreibe 251 Meter hohen Arthur’s Seat vorzubereiten stieg ich erstmal auf den Calton Hill und machte meine Fotos. Der Aufstieg zum Arthur’s Seat war etwas beschwerlicher, bot aber auch einen weitaus schöneren Blick auf die Stadt, das Meer und die umliegenden Hügel. Den Rest des Tages genoss ich noch ein wenig die Sonne in den Princes Street Gardens, ehe ich mich in den Zug zurück nach London setzte. Innerhalb von fünf Stunden und sogar 20 Minuten vor geplanter Ankunft kam ich dann in King’s Cross an.

Alles in allem eine sehr lohnenswerte und interessante Reise. Besonders spannend war für mich, die Besonderheiten des jeweiligen Akzents herauszufinden. Es ist schon erstaunlich, dass selbst die Akzente der Liverpuddlians und Mancunians, die nur eine halbe Zugstunde voneinander entfernt wohnen, so unterschiedlich sind. Überrascht hat mich auch die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der englischen Bahnen, die im Vergleich zu Deutschland sogar noch ziemlich sauber sind. Noch dazu zeichnen sie sich durch eine erfrischende Abwesenheit von weiblichen Kegelclubs jenseits der 50 aus, bei der man sich beispielsweise auf der Route zwischen Leer und Bremen fragen würde, ob man denn überhaupt den richtigen Zug erwischt hat.

Newcastle

Sonntagmittag erreichte ich Newcastle. Im Hostel angekommen, macht ich die Bekanntschaft mit Carlos, einem Brasilianer der ein Jahr in Australien verbracht hatte und auf dem Weg nach Hause sich noch einmal diese Insel ansehen wollte. Seine Route war meiner genau entgegensetzt; er kam gerade aus Edinburgh und wollte weiter nach Liverpool. Nachdem wir unsere Betten bezogen hatten, sahen wir uns gemeinsam die Stadt an; vor allem die Brücken über den River Tyne, von denen jede ihre eigene Art hat, großen Schiffen Platz zu machen. Da wäre zum Beispiel die Swing Bridge, die sich bei annähernden Schiffen um eine Achse in der Mitte des Flusses dreht oder die wohl spektakulärste Brücke der Stadt: die Gateshead Millennium Bridge. Sie wird einfach nach oben geklappt.

Danach genossen wir ein wenig Landluft inmitten der Stadt. Town Moor ist ein Fleckchen Ackerland, auf dem ein paar Kühe weiden. Von den dortigen Hügeln sollte man angeblich einen tollen Blick über die Stadt haben, was wir allerdings nicht so recht nachvollziehen konnten. Trotzdem war es toll mal eine Kuhwiese zu sehen, die von CCTV überwacht wird.

Abends tranken wir dann noch ein paar Pint im Head of Steam und stellten uns auf eine ruhige Nacht ein. Leider sollte diese Erwartung nicht erfüllt werden. Es stellte sich heraus, dass wir zwei neue Zimmergenossen bekommen hatten. Ein junger Mann aus Cornwall, der am nächsten Tag ein Bewerbungsgespräch in der Stadt hatte und ein etwas seltsamer älterer Herr, der sich als dessen Großvater ausgab. Hinterher stellte sich heraus, dass dieser ältere Herr dem anderen nur hinterhergelaufen war, nachdem dieser ihn nach dem Weg gefragt hatte. Dieser Typ, RAF-Veteran, wie er uns in der Nacht noch etwa achtzig Mal erzählte hatte, beschloss dann spontan im Hostel einzuchecken und sich zur Feier des Tages noch einmal drei Flaschen Wein zu bestellen. Nachdem er diese geleert hatte, hielt er uns ungefragt die ganze Nacht mit seinen Geschichten von den Falkland-Inseln wach. Irgendwann mussten wir ihn dann in den Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss bringen, wobei wir Glück hatten, dass er die Treppe nicht heruntergefallen ist. Wir waren uns zumindest sicher, dass er es in die andere Richtung in dieser Nacht nicht mehr schaffen würde. Kurz bevor ich am nächsten Morgen aufstand, kam er jedoch noch einmal ins Zimmer, um sich mit einem geheimnisvollen „The Night never stops“ zu verabschieden.

Bevor ich Newcastle in Richtung Edinburgh verließ und mich von Carlos verabschiedete, gingen wir noch ins Baltic Centre for Contemporary Art. Dort gab es nicht nur ein paar interessante Installationen zu sehen, sondern man hatte dort wirklich einen tollen Ausblick über die Stadt. Nur Town Moor konnte man von dort nicht erkennen.

Manchester

In Manchester begrüßten mich strahlende Sonne und blauer Himmel. Das hatte mir der Reiseführer zwar anders versprochen, eine Reklamation erschien mir jedoch unverhältnismäßig. Da ich meine Reise etwas kurzfristig geplant hatte, waren Manchesters Hostels leider ausgebucht und so checkte ich in einem kleinen Hotel knapp außerhalb des Zentrums ein. Dies befand sich im Süden, am Ende der „Curry-Meile“, die kurz hinter dem Uni-Campus beginnt, in Rusholme.

Im Gegensatz zum maritimen Liverpool versprüht Manchester eher einen urbanen Flair, was mir persönlich mehr zusagt. Auch musikalisch liegt für mich Manchester vorne: Man denke nur an Simply Red oder auch an Take That, die nach dem Ausstieg Robbie Williams’ damals New Order gründeten. Bei einer vergleichbaren Band aus Liverpool fielen mir höchstens noch die Wings ein, doch die haben sich längst aufgelöst.

Im Südwesten gibt es das Viertel Castlefield, das wohl zu den schöneren Ecken Manchesters gehört. Wenn man dort am Kanal entlangläuft sieht man immer wieder nette Cafés am Ufer und Menschen, die dort das ungewohnt gute Wetter genießen. Am Ende des Kanals, kurz nach dem Gay Village, kommt man dann ganz zentral im Piccadilly-Viertel wieder heraus. Von dort ist es nicht weit zum Northern Quarter, in denen sich die interessanteren Pubs und Clubs der Subkultur befinden. Dort schaute ich mir abends im Night & Day Cafe ein paar Newcomer-Bands an, die mich zwar unterhielten, doch an die ich mich rückblickend nicht mehr recht erinnern kann. Nach der letzten Band ging ich dann noch mit ein paar Leuten, die ich dort kennen gelernt hatte – obwohl ich mir Mühe gegeben hatte, nicht ‘upset’ zu wirken – ins 5th Avenue. Günstige Drinks und sehr gute Musik motivierten dann länger dort zu bleiben als geplant. Der Club kann durchaus mit denen Londons mithalten.

Auf dem Rückweg stieg ich leider etwas zu früh aus dem Bus aus. Vor der letzten Curry-Meile stolperte ich ins Big Hands, um mir eine Erfrischung zu holen. Drinnen genossen gerade die Leute von Nashville Pussy, die schon seit Bristol ungefähr den gleichen Tourplan wie ich hatten, ihren Feierabend nach einem Gig in der Academy. Ein Rekrut der örtlichen Turbojugend feierte seinen Geburtstag und war sich nicht zu schade, mir deswegen nach fünf-minütiger Bekanntschaft ein Bierchen auszugeben, nach dem ich ihm ein Gespräch aufgezwungen hatte. Das war dann auch mein letztes für diesen Abend.

Am nächsten Morgen stand ich etwas später auf. Das Gelände der Academy auf dem Campus der Uni hingegen war gesäumt von Frühaufstehern. Ein bunter Haufen schwarzbekleideter Emo-Jünger wartete dort ausdauernd auf einen Auftritt von Taking Back Sunday während ich versuchte mit Hilfe meiner Kamera zumindest den Freitag zurückzuholen.

Auf dem Campus befindet sich auch das Manchester Museum. Dort sah ich mir eine Ausstellung zum Thema ‘Myths about Race’ an, in der das rassistische Denken, das auch zur Rechtfertigung der Sklaverei benutzt wurde, kritisch betrachtet wurde. Denn ähnlich wie Bristol und Liverpool profitierte auch Manchester vom Sklavenhandel. Die Baumwolle, die in den englischen Kolonien von Sklaven geerntet wurde, wurde hier zu Textilien weiter verarbeitet, die wiederum eines der Hauptexportartikel der Liverpooler Sklavenhändler darstellten. Danach gab es noch ein wenig antike Mythologie und mein Appetit nach Wissen war fürs Erste gestillt.

Auch wenn ich eigentlich nicht religiös bin, musste ich doch den Weg nach Salford antreten. Der kleine Ort wird von Manchester nur durch den kleinen Fluss Irwell getrennt. Das Ziel meines Pilgerausflugs war der Salford Lads Club, vor dem die Schmitz damals legendäre Fahrradtouren unternommen hatten. Nachdem ich dort eine Minute innegehalten hatte, wünschte ich mir auch ein Fahrrad, denn der Weg dorthin war letztendlich doch nicht so kurz, wie ich mir das gedacht hatte.

Kurz vor Schluss besuchte ich noch schnell das Museum of Science & Industry in Manchester, das ich wirklich nur empfehlen kann. Dort werden alle möglichen technischen Sachen, die nur entfernt etwas mit Manchester zu tun haben, erklärt. Man lernt etwas über die Geschichte Manchesters, die Wasserversorgung, Elektrizität und Dampfkraft. Wow. Highlight für mich war natürlich ein Nachbau des Baby, dem ersten Computer, auf dem man ein Programm im RAM speichern konnte. Da habe ich mir natürlich einiges abgeschaut für meine CPU-Design-Hausarbeit.

Abends trank ich noch ein Pint in der Dry Bar, wo Shaun Ryder und Liam Gallagher Hausverbot haben. Gleiche Ehren wurden mir leider nicht zu Teil. Als ich mein Bierglas umkippte, schüttelte die Bedienung nur genervt mit dem Kopf und schaute so, wie meine Mutter manchmal guckt, wenn ich mal wieder Dumm Tüch von mir gegegeben habe.

Liverpool

Mittwoch abends kam ich dann in Liverpool an und sah mir erstmal die Stadt selbst an. Viel war an diesem Tag anscheinend nicht los, deswegen beließ ich es dabei, mir im Heebie Jeebies, das mir für diesen Zweck angemessen erschien, ein paar Pints zu gönnen und stattdessen den nächsten Tag zu verplanen.

Als erstes sah ich mir die Skulptur-Ausstellung in der Tate Liverpool an und nach dem Mittagessen – Warhols Campbell’s Dosen und Dalis Lobster Telephone regten meinen Appetit an – das International Slavery Museum. Dort wurde die ganze Geschichte des Sklavenhandels dargestellt und auch Liverpools Rolle nicht verschwiegen. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Penny Lane ihren Namen James Penny verdankt: Einem wohlhabenden Sklavenschiffbesitzer des 18. Jahrhunderts. Bei einer geplanten Änderung der Straßennamen mit heikler Vorgeschichte entschied man sich, Penny Lane außen vorzulassen.

Auch sehenswert ist die anglikanische Liverpool Cathedral, die wohl die fünftgrößte Kathedrale der Welt ist. Designt wurde die übrigens von dem gleichen Typen, der auch die roten Telefonzellen entworfen hat. Sieht man ihr nicht auf den ersten Blick an. Genauso wie man der katholischen Kirche in Liverpool nicht ansieht, dass sie keine Scientology-Filiale ist.

Abends sah ich mir dann in der Zanzibar ein paar aufstrebende Bands an. An Namen oder Musik erinnere ich mich nicht, Arcade Fire und Bloc Party scheinen aber sehr einflussreiche Bands zu sein. Ein paar nette Leute lernte ich sogar auch noch kennen; ein Mädchen fragte mich, ob ich ‘upset’ wäre. Nachdem ich ihr erklärte, dass das mein normaler Ausdruck sei und ich eigentlich bester Laune wäre, lud sie mich zu sich und ihren Freunden an den Tisch ein. So lernte ich dann schnell noch, wer in welcher Band spielt und wen ich mir unbedingt anschauen müsste. Das wusste ich leider am nächsten Morgen nicht mehr und verpasse wahrscheinlich das next big thing. Schade.

Bristol

Hätte ich nicht die Tickets schon bezahlt gehabt, wäre ich an diesem Dienstag nach Ostern wohl im Bett geblieben. Um zwanzig nach neun ging es nämlich zu Gunsten des Off-Peak Rabatts schon los zum ersten Ziel meiner Reise: Brizzle, wie es die Einheimischen nennen. Gut anderthalb Stunden nach meiner Abfahrt von der Waterloo Station war ich dann auch schon dort. Eine Mischung aus trübem Wetter, einer verdächtig ruhigen Stadt und einer noch verdächtigeren Abwesenheit jeglicher Trip Hop-Beats erwartete mich. Erwartete ich. Jedenfalls war sie da, vielleicht schon seit zehn Jahren.

Nach dem Einchecken im freundlich-gemütlichen Backpackers Hostel, sah ich mir dann die Stadt an. Erstes Highlight: Einige der Hausboote am River Avon halten sich wohl Jugendliche durch hochfrequentes Piepen fern, das von Ohren jenseits der 50 nicht mehr wahrgenommen wird. Die Frage, wie man als Besitzer einen Ausfall dieser Anlage feststellt, stellte ich mir aufgrund meiner eigenen Jugendlichkeit, dann nach kurzem Aufenthalt lieber woanders.

City Museum and Art Gallery zeigten etwas aus dem alten Ägypten, ein bisschen Porzellan, zeitgenössische Kunst und Karikaturen. Auch die Sklaverei, die maßgeblich am Aufstieg Bristols beteiligt war, blieb nicht unerwähnt. Verglichen mit den Londoner Museen wirkte das jedoch alles eher provinziell. Weitaus beeindruckender war dann das Wahrzeichen der Stadt: Die Clifton Suspension Bridge. Vom naheliegenden Hügel, auf dem das Observatory und die Camera Obscura stehen, hatte man einen wunderbaren Blick auf dieses verbindende Element. Die Höhe lies natürlich schnell die Frage aufkommen, wann denn das letzte Mal jemand mit einem Düsenjet der Royal Air Force drunterher geflogen und mit 450 mph an den benachbarten Klippen zerschellt ist. 1957.

Das Abendprogramm gestalteten die großartigen Casiotone for the Painfully Alone, die Ein-Mann-Band Own Ashworth aus San Francisco. Davor gab es noch charmante Shoegazer („If you don’t buy our records, it’s because I’m brown and you’re racist.“) und seinen jüngeren Bruder Gordon, der als Concern Ambient-Drone aus seinen Reglern zauberte, um dadurch den Großteil des Publikums zum Bierholen zu animieren. Dass er nach dem Gig mir nicht einmal den Vergleich mit Metal Machine Music übelnahm, rechnete ich ihm hoch an und kaufte ihm für nen Fünfer  ‘ne EP ab. Ich habe große Lust da ein paar Samples für mein Hip Hop-Projekt auszumontieren.

Am nächsten Morgen sah ich mir noch eine Street Art-Ausstellung in der Royal West of England Academy an. Gelohnt hat sich das nur weniger. Street Art Ausstellungen in Museen fehlt es dann doch an Street Credibility. Mit einem kurzen Zwischenstopp in Birmingham ging es dann weiter nach Liverpool.

On A Train

Gestern habe ich meinen Final Report für einen unverschämten Preis binden lassen, morgen werde ich ihn abgeben. Daher habe ich heute Hostels und Zugtickets für meine bevorstehende Reise über die Insel gebucht. Nächsten Dienstag geht es als Erstes nach Bristol. Von dort werde ich mich über Liverpool, Manchester und Newcastle stetig dem Norden nähern, um schließlich in Edinburgh anzukommen. Zurück bin ich dann voraussichtlich am 22. Reisetipps sind auf jeden Fall willkommen.

At home I feel like a tourist

Und dann findet man sich auf einmal wieder daheim. Auch wenn das Schlafzimmer eher einer Abstellkammer als einem Ort zum Leben gleicht und das Haus nebenan, in dem man ein paar Jahre seine Homebase hatte, nun von Fremden bewohnt wird. Als ich im Kreise meiner Familie endlich wieder das Essen der vielleicht besten Pommesbude der Welt genießen konnte, fühlte ich mich auch zuhause. Ein paar Tage hatte ich also Zeit, endlich meine Projekte für die Uni fertigzustellen, meine kleinen Schwestern zu nerven und die Menschen aus Wilmsberg Beach (und dessen zwielichtiger Nachbarschaft) wiederzusehen. Zwischendurch blieb sogar noch etwas Zeit, Weihnachten zu feiern und die perfekte Strike-Technik beim Wii-Bowling zu entwickeln (nach mehr als 300 Würfen bin ich allerdings immer noch nicht viel schlauer, mein Bruder vermutet jedoch, das läge am Zufallsgenerator im Spiel).

Am zweiten Weinachtsfeiertag traf man sich dann traditionell im guten alten Spex. Die nächsten Jahre würde ich jedoch gerne mit dieser Tradition brechen, da ich wohl langsam zu alt für dieses Spektakel bin. Man sah nicht mehr allzu viele bekannte Gesichter. Auch die Preise dort konnten mittlerweile selbst mit London konkurrieren. Trotzdem zwei Pluspunkte für Nostalgie und die wenigen bekannten Gesichter, über die man sich freute, sie wiederzusehen.

Am 29. nahm ich auch schon wieder Abschied von meiner alten Heimat; in Bremen gab es noch eine WG-Reunion in der Grundstraße zu feiern. Nach ein  paar furiosen Tanzeinlagen und ein paar Bierchen mehr als eingeplant musste ich mich jedoch schon verabschieden. Bryan machte mir noch ein letztes Butterbrot und einen Kaffee, dann ging es zum Flughafen. Dort stieg ich dann zusammen mit vielen anderen Silvester-Touris ins Flugzeug Richtung London. Im Wohnheim kam ich dann irgendwann um 10 Uhr morgens an, ausgelaugt und müde, aber doch froh, wieder da zu sein.

Nächste Seite »